Kalle und das Hochwasser

KiPPE-Verkäufer blickt auf wechselvolle Jahre zurück

Unserer Straßenverkäufer Kalle stammt ursprünglich aus der sachsen-anhaltischen Kleinstadt Aschersleben. Er wollte aber immer in Leipzig leben, weil Leipzig als Sportstadt galt und Kalle sportbegeistert ist, vor allem was Fußball und Schach angeht. Da Leipzig nicht Kalles Heimatstadt ist, kennt er heute immer noch nicht alle Ecken, obwohl er bereits seit 1990 hier lebt. Deshalb will er die Stadt nun noch weiter entdecken. Vor allem Leipzigs Entwicklung zur Wasserstadt und die vielfältigen Freizeitmöglichkeiten auf den diversen Wasserwegen der Messestadt interessieren ihn. Für Anfang Juni hatten wir uns deshalb zu einem Spaziergang vom Leipziger Stadthafen entlang am Elstermühlgraben, Elsterflutbett und Pleiße bis zum Connewitzer Wehr verabredet. Anhaltende Regenfälle Tage zuvor ließen es zu einem Spaziergang am für Leipzig zum Glück glimpflich verlaufenden Hochwasser werden. Am Nachmittag unseres Treffens war gerade Katastrophenalarm in Leipzig ausgelöst worden. Sirenen und Hubschrauber begleiteten uns auf unserem Weg, der auch ein Weg durch Kalles bewegtes Leben war. Sandy Feldbacher hat das Gespräch für die KIPPE dokumentiert.

Wir beginnen unseren Spaziergang am Stadthafen. Hier ist heute wenig los: Das benachbarte Schreberbad hat geschlossen, obwohl der meteorologische Sommer bereits begonnen hat. Es regnet und der Elstermühlgraben führt aufgrund der hochwasserbedingten Öffnung des Palmengartenwehrs kaum Wasser, obwohl in ganz Mitteldeutschland die Pegel steigen – ein absurdes Szenario.

Von Vermietern bestohlen
Kalle erzählt davon, dass es zu DDR-Zeiten nicht einfach war, in eine andere Stadt zu ziehen, wenn es hierfür keine familiären oder beruflichen Gründe gab. Darauf wollten es Kalle und ein paar seiner Freunde aber nicht beruhen lassen. Als junge Männer bewarben sie sich auf ein Inserat in der Zeitschrift „Junge Welt“, das Anstellungen als Maschinenarbeiter im VEB Dieselmotorenwerk Rostock ausschrieb. In ihrem Heimatbetrieb, dem VEB Werkzeugmaschinenfabrik Aschersleben, war man nicht erfreut über die Kündigung. Sie blieben dennoch zwei Jahre in Rostock. In Aschersleben hatte Kalle übrigens Maschinenarbeiter gelernt, später auch noch seinen Schlosser gemacht.

1990 konnte Kalle endlich nach Leipzig ziehen. Er verkaufte hier zunächst die Bild-Zeitung auf dem Lindenauer Markt, später hatte er die Möglichkeit, einen größeren Stand dieser Zeitung mit vielen ihrer Nebenprodukte am Wilhelm-Leuschner-Platz zu übernehmen. Das lief sehr gut, war aber auch anstrengend: „Ich habe die Zeitungen morgens gegen 4.30 Uhr in Empfang genommen und dann bis 15.30 Uhr verkauft.“ Er wohnte während dieser Zeit in einem Zimmer zur Untermiete. Irgendwann merkte er allerdings, dass ihn seine Vermieter bestahlen. Immer wenn er baden durfte, fehlten danach einige Rollen seines Wechselgeldes. Die Scheine hatte er schon vorsorglich mit ins Bad genommen.

Kalle wurde obdachlos. Er schlief in Parks oder in Treppenhäusern. Einmal wurde er dabei von einem Hausbewohner überrascht: Der Journalist meinte es aber nicht böse und brachte ihm sogar einen Schlafsack. „Damals war ich ziemlich am Ende, ich wusste zwar, dass es Übernachtungshäuser gibt, aber solche Einrichtungen führen einem immer deutlich vor Augen, dass man verdammt weit unten ist. Das wollte ich anfangs lieber verdrängen. Irgendwann habe ich mich aber dann doch angemeldet und eine Weile dort gewohnt. Später fand ich mit Hilfe der Einrichtungen eine Wohnung“, erzählt Kalle.

Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sein Leben viele Tiefschläge für ihn bereit gehalten. „Ich bin Jahrgang 1936. Mein Vater ist im Krieg gefallen, meine Mutter hat sich, als ich 18 Jahre alt war, das Leben genommen.“
Ebenfalls in jungen Jahren verlor Kalle auch seinen kleinen Bruder. „Den haben 1948 betrunkene russische Soldaten überfahren. Das war Anfang Mai. Wir Kinder saßen auf der Bordsteinkante unserer Straße, die einen Bogen machte, und haben mit Maikäfern gespielt und die Russen kamen mit Karacho angefahren. Das Auto erwischte meinen Bruder, er wurde mit dem Kotflügel mitgeschleift und starb. Ich habe alles gesehen. Ich war zwölf Jahre alt. [...]