Titelthema: Baustelle Leipzig

altVorteilhaft, mehr Zeit zu haben - Interview mit Martin zur Nedden und Niels Gormsen


Als Baubürgermeister Leipzigs ist der jetzt knapp 60-jährige Martin zur Nedden seit April 2006 im Amt. Der gebürtige Hannoveraner war zuvor als Stadtbaurat in Bochum tätig. Leipzig kennt er seit Beginn der 90er Jahre, als er wiederholt zu Tagungen weilte. Als Bau- und Planungsdezernent der ersten Stunde kam Niels Gormsen mit 63 Jahren im Sommer 1990 nach Leipzig. Zuvor war er Stadtplaner von Mannheim. Sieben Jahre leitete er das Leipziger Ressort und ist auch im Ruhestand noch voller Unrast, schreibt Bücher über Archiektur und Denkmalschutz und engagiert sich u. a. für Leipzigs „Neue Ufer“.
Die KiPPE sprach mit dem derzeitigen sowie dem ersten Bauderzententen nach der Wende über die Entwicklung in Leipzig in Sachen Straßengestaltung, Architektur und Bauvorhaben.



KiPPE: Die Stadt will mit einem Ideenwettbewerb die Bürger bei der Planung eines neuen Verkehrskonzeptes einbeziehen. Warum hat man die Bürger nicht schon früher bei ähnlichen Vorhaben gefragt?


zur Nedden: Bürgerbeteiligungen hat es schon mehrfach gegeben, da hat Leipzig doch eine gute Tradition. Wir haben die Bürger einbezogen bei der Erarbeitung des Verkehrsentwicklungsplanes oder bei Plänen für den öffentlichen Raum. Als ich hier in Leipzig angefangen hatte, haben wir einen Bürgerstammtisch zum Tangentenviereck Nord/Berliner Straße eingerichtet mit durchaus gutem Ergebnis. Sicher, der jetzige Ideenwettbewerb hat eine neue Qualität, die Beteiligung soll intensiver sein. Das Konzept ist ein Pilotprojekt, das vom Bund finanziell unterstützt wird. Da bin ich sehr gespannt, wie dieses Experiment weiterläuft.


Gormsen: Zu meiner Amtszeit gab es mehr Diskussionsgremien mit Architekten und anderen Fachleuten. Aber beim Projekt Pleiße ans Licht beispielsweise haben wir die Bevölkerung eingeladen. Allerdings haben sich die unmittelbaren Anrainer weniger beteiligt, als jene, die nicht direkt betroffen waren.


Streitpunkt Karl-Liebknecht-Straße. Nach zum Teil hitzigen Diskussionen über die geplante Neugestaltung hat man sich nun für eine Vorzugsvariante entschieden, die dem Boulevardcharakter dieser Straße mehr Rechnung tragen soll. Nun muss der Stadtrat noch darüber entscheiden. Wie stehen dafür die Chancen?*


zur Nedden: Ich denke, dass diese Vorzugsvariante durchaus eine Chance hat, von einer Mehrheit getragen zu werden. Wir haben eine Lösung gefunden, die doch vielen Belangen und Anregungen mehrerer Seiten Rechnung trägt und die wir ernst genommen haben: streckenweise separater Bahnkörper, mehr Parkflächen und Baumpflanzungen.


Ist mit der Vorzugsvariante alles in trockenen Tüchern


zur Nedden: Der Stadtrat trifft lediglich eine Prinzipienentscheidung. Noch haben wir keine bis ins Detail ausgearbeitete Entwurfsfasssung vorliegen. Einzelheiten wie die Art des Kurzzeitparkens, die genaue Lage der Parkplätze und der Umfang der Baumpflanzungen können erst nach der Ratsentscheidung definiert werden. Auf alle Fälle werden wir weiterhin die betroffenen Seiten einbinden. [...]

 

Lichter und Illusionen

Mit dem Richard-Wagner-Verband Leipzig in Partnerstadt Lyon

altBekanntlich irrlichterte Richard Wagner während seiner Flucht vor Gläubigern oder in der Hoffnung auf Anstellung durch halb Europa. Auch Paris war so eine Station. Nun aber weilte eine Gruppe des Leipziger Richard-Wagner-Verbands kürzlich in Lyon. Aus triftigen Gründen: Lyon ist seit 30 Jahren Partnerstadt Leipzigs, seit 1982 gibt es einen rührigen Richard-Wagner-Verein („Cercle Richard Wagner“, einer von weltweit 143 Wagner-Verbänden mit insgesamt ca. 25 000 Mitgliedern) und auch in der Lyoner Oper kommen Wagner-Werke auf die Bühne.


Schwindelfrei im Toaster
Während ihrer Lyon-Visite erlebte die Leipziger Delegation gleich an zwei Abenden in der jeweils ausverkauften Oper ein Programm mit Werken des großen Tonmeisters: zunächst ein Galakonzert mit Opern-Ausschnitten, dann die Aufführung von „Parsifal“.
„Insgesamt eine wirklich beeindruckende Aufführung“, fand Verbands-Vorsitzender Thomas Krakow und die Hartmannsdorferin Monika Mainz ergänzte: „Die Sängerinnen und Sänger und das Orchester waren phantastisch. Nur die Regie war etwas gewöhnungsbedürftig, weil es drastische Bilder gab, die sich mir nicht ganz erschlossen“. An beiden Abenden dirigierte Kazushi Ono, den Parsifal sang Nikolai Schukoff und als Kundry trat Elena Zhidkova auf, die den Leipzigern sicher noch in lebhafter Erinnerung aus der Premierensaison des hiesigen „Rienzi“ sein dürfte.


Gewöhnungsbedürftig ist auch das Gebäude der Lyoner Oper selbst. Der Architekt Jean Nouvel krempelte 1993 das neoklassizistische Gebäude gehörig um, ließ nur die Fassade stehen, setzte ein Dachgewölbe aus Stahl und Glas auf und verwandelte den Innenraum in eine Höhle aus schwarzem Naturstein, der jegliches Licht verschluckt. Die Aufgänge zu den Rängen über sechs Etagen erinnern an Baustellengerüste. Wer ganz oben sitzt, muss schwindelfrei sein. Nur wenige Lyoner konnten sich mit dem Umbau anfreunden, es gab Bürgerproteste. Spöttisch nennen sie die Oper „Toaster“. Verschlimmbesserte Ausführungen also nicht nur in Leipzig. [...]

 

„Mir fehlte die Kontrolle“

Der Ausbruch aus einem Leben zwischen Gewalt und Alkohol

altDer junge, großgewachsene Mann, der mir gegenüber sitzt, strahlt Freundlichkeit und Höflichkeit pur aus. Er spricht schnell, als ob er vieles auf einmal sagen möchte. Immer wieder kommt ein kurzes Lächeln über sein offenes Gesicht. Er wirkt, als ob er mit sich im Reinen sei. Wenn er von früher spricht und dabei manchmal kurz auflacht, dann scheint er selbst kaum glauben zu wollen, was ihn einst geritten haben mag. Gewalt und Alkohol in stetem Wechsel.


Im Elternhaus verdrängt
Janek Z. ist Fußballfan. Schon mit 16, 17 Jahren zog der Leipziger mit Mitschülern und Kumpels zum Stadion. Irgendwann wurde das Spiel eigentlich zur Nebensache. „Wir hatten da so eine Art Beuteschema“, erinnert sich Janek, „es war der gegnerische Block mit seinen Kutten und Schals“. Der Dresscode der Anderen wirkte wie ein rotes Tuch. „Ja, und dann haben wir die Prügelei gesucht. Das war wie ein Kick“. Nicht nur, dass sich die Kumpels in der Clique gegenseitig anstachelten. Der zuvor genommene Alkohol half kräftig nach. „Ich hatte mich einfach nicht mehr unter Kontrolle“, fährt Janek fort.
Die Disco war ein weiterer Kampfplatz des jetzt 28-Jährigen. Ein frecher Spruch, ein Rempler und die Faust saß locker. Erst recht, wenn zuvor ordentlich viel Hochprozentiges geschüttet wurde. Das gehörte einfach dazu. So wie zu Hause.
Im Elternhaus hat es der Junge vorgelebt bekommen. Es gab immer einen Anlass, zur Flasche zu greifen, und die Männer in der Familie hatten viele Anlässe. Egal, ob die Stimmung gut oder schlecht war. Der Vater arbeitete als Lehrer und der Stress auf Arbeit musste zu Hause irgendwie vergessen gemacht werden. Nicht selten war die Stimmung depressiv. Auch Janeks zwei Jahre jüngerer Bruder trank später mit, „doch er kann sich kontrollieren.“ Und: „Unsere Mutter hatte nie hinterfragt, warum Vater und ich tranken. Es war für sie einfach kein Thema, vielleicht wollte sie es auch nicht wahrhaben.“ Ein nahezu klassischer Fall von Verdrängung innerhalb der Familie. So musste Janek in jenem Alter und später wohl glauben, dass Alkoholkonsum, selbst wenn es schon über den Eichstrich ging, etwas ganz Normales war und zum Alltag gehöre. Und als er zum Bund kam, wurde es geradezu exzessiv mit dem Trinken. Mit leichteren Drogen hat er es dann auch mal probiert und Cannabis geraucht. Doch davon hat Janek schnell wieder die Hände gelassen: „Als Nichtraucher vertrage ich das Zeug nicht.“
Blieb „glücklicherweise“ noch der Alkohol. [...]

 
Verkäufer drehen KiPPE-Film
Im Rahmen eines Workshops der Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanäle (SAEK)
haben mehrere unserer KiPPE-Verkäufer gemeinsam mit Studenten und Praktikanten und
unter fachlicher Anleitung einen Film über ihren Verkaufsalltag und die Hintergründe
des Projekts der Straßenzeitung KiPPE gedreht. Das Ergebnis sehen Sie hier:
 
 
 

Titelthema: Was Kinder brauchen

altNote „mangelhaft“! - Lehrernotstand und Sanierungsbedarf an Leipziger Schulen

Anfang des Jahres wurde die sanierte Erich-Zeigner-Schule in Plagwitz feierlich eingeweiht. Aufgeregte Schüler führten ein kleines Programm auf und Politiker klopften sich anlässlich des freudigen Ereignisses auf die Schultern. OB Burkhard Jung betonte in seiner Ansprache die Herausforderungen, welche mit den kontinuierlich steigenden Geburtenzahlen einhergehen. Jedoch seien ihm diese Probleme viel lieber als solche, die im umgekehrten Fall mit einer zunehmenden Alterung verbunden wären. Seit 1996 steigen die Geburtenzahlen in Leipzig. Im vergangenen Jahr kamen 5 700 kleine Leipziger zur Welt. Damit ist fast Vorwendeniveau erreicht. So sehr Herrn Jung diese Tendenz erfreut, so enorm sind jedoch die Probleme, oder positiv formuliert, die Herausforderung hinsichtlich einer flächendeckenden und qualitativen Kinderbetreuung. Die Reform der Kitaplatzvergabe ist dabei eine der leichteren Übungen.


Akuter Handlungsbedarf besteht auch bei den Leipziger Schulen, denn hier wird es eng. Schon jetzt kämpfen viele Grundund Mittelschulen sowie Gymnasien, insbesondere in den Stadtteilen Mitte, Schleußig, Südvorstadt, Gohlis und Connewitz mit vollen Klassen. Klassenstärken mit 28 und mehr Schülern sind schon heute keine Seltenheit. Erschwert wird die Situation vom erschreckend desolaten Zustand vieler Schulgebäude. So können Turnhallen nur eigeschränkt oder gar nicht genutzt werden, da sie einsturzgefährdet sind. Undichte Dächer flickt man nur provisorisch, weil die Erneuerung des gesamten maroden Dachstuhls zu teuer ist. Und in einer Grundschule mussten bis vor kurzem undichte Fenster komplett zugenagelt werden, da die Schüler im Dauerdurchzug saßen.


Viele Schulgebäude wurden in den 50er-60er Jahren erbaut und bedürfen seit langem einer Generalüberholung. Der Investitionsrückstau geht in den dreistelligen Millionenbereich. Für die Instandsetzung und Ausstattung der Schulen sind die Kommunen zuständig, aber trotz absehbar steigender Schülerzahlen gingen die Bauinvestitionen kontinuierlich zurück und erreichten 2006 einen Tiefstand von 5 Mio. Euro. Ab 2007 wird wieder verstärkt in Erneuerung der Schulgebäude investiert. Jedoch sitzt im Leipziger Stadtrat der Pleitegeier mit am Tisch, und dieser muss sich bei der Mittelvergabe unter anderem zwischen Kultur, Infrastruktur, Wirtschaftsförderung oder eben Bildung entscheiden.


Schulentwicklungsplan
Für die wachsende Schülerzahl muss die Stadt nun dringend zusätzliche Kapazitäten schaffen. In den nächsten 10 Jahren werden 4 000 neue Grundschulplätze, sieben neue Mittelschulstandorte und fünf neue Gymnasien benötigt. Aktuell diskutiert der Stadtrat verschiedene Maßnahmen, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. So sollen neben Schulneubau die Veränderung einzelner Schulbezirke, die Reaktivierung stillgelegter Schulgebäude und Doppelnutzungen Entlastung schaffen. [...]

 

Seltenes Handwerk (2)

Die Hutmacherin von der Königshauspassage

altDieser prächtige Sommerhut aus Stroh hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Jetzt ist die geflochtene, breite Krempe ausgefranst, das schwarzer Band ausgeleiert und verblichen – na, und der Innenteil ganz schön speckig geworden. Der Träger des Hutes legt Wert darauf, dieses stolze Stück wieder als Duplikat zu erhalten. Denn so eines in dieser Form gäbe es kaum ein zweites Mal. Behauptet der Kunde. Für Modistin Solveig Rosenowski ist das kein Problem: „Das kriegen wir hin, Sie können in zwei Wochen wiederkommen und sich einen neuen Hut abholen.“


Schon in dritter Generation
Wenn Solveig Rosenowski von „wir“ spricht, dann meint sie eigentlich nur sich selbst. Ihr kleines Geschäft in der Königshauspassage mit ihren vielen Boutiquen, Salons und dem beliebten Kinderbuchladen gegenüber ist ein Ein-Frau-Betrieb. Und dies inzwischen in dritter Generation. Heute ist die Inhaberin eine der beiden Hutmacherinnen, die es noch in Leipzig gibt. Begonnen hatte es 1958 mit Oma Bräuer – daher auch der noch gültige Firmenname. Da saß Bräuer-Hüte noch im Jägerhof zwischen Hainstraße und Große Fleischergasse. Das war bis zur Wende, bis ein gewisser Dr. Jürgen Schneider auch diese Edel-Immobilie seinem Imperium einverleibte und für die Mieter nichts mehr war wie vorher. Für den Handwerksbetrieb folgte ein Intermezzo in Großzschocher und 2008 folgte die Rückkehr in die Innenstadt. Was nicht der einzige Wandel bis dahin gewesen ist.


„1992 hab’ ich mit schon 22 Jahren meinen Meister als Modistin machen können, und zwar in Dresden“, berichtet Solveig Rosenowski. Warum sie den Ort so betont: „Weil ich Glück hatte, dass gerade zwei Meisterlehrgänge eben nicht allzu weit weg von Leipzig angeboten wurden. Ansonsten müsste ich wie viele andere in die alten Bundesländer ausweichen. Das blieb mir erspart.“ Auf dem Meisterbrief steht sie noch unter ihrem Mädchennamen Cordes, die Familie ihres Vaters stammte aus dem Rheinland. Und 2003 schließlich übernahm sie den Betrieb von ihrer Mutter. „Ich bin ein echtes Werkstattkind“, bekennt die aufgeschlossene Modistin. „Schon von klein auf hab‘ ich der Oma neugierig zugeschaut, wie sie mit Filz und Stroh hantierte. Da musste mich keiner drängeln, um die Familientradition fortzusetzen. Muss wohl in den Genen liegen.“ Und lacht.


Mit Dampf und Nässe
Hinter ihr im hohen Wandregal reihen und stapeln sich Hutformen, oder - wie man in der Branche auch sagt – Holzköpfe aller Größen. Sie stammen von der Leipziger Firma Herrmann, die einzige Formenbauerin weit und breit ihrer Art. Es ist ein wertvoller Fundus, den die Modistin da angesammelt hat, denn die hölzernen Formen sind äußerst teuer in der Anschaffung. Die Formen sind Modell und Arbeitsunterlage zugleich. Solveig Rosenowski greift sich eine formlose Kappe aus Filz, hält sie über einen Dampftopf und spannt den nun formbaren Rohling mit beiden Händen über den Holzkopf. Nach und nach bildet sich die Fasson heraus. Später wird das Stück mit Hutsteife weingepinselt und gestärkt – es wird appretiert, damit der Hut seine Form behält. „Denn wenn der Filz nass wird“, so die Hutmacherin; „will er wieder in seinen Ursprungszustand zurück.“ Und welche Trägerin will das schon? Ganz anders hingegen bei Strohhüten. Hier muss das Ausgangsmaterial nass sein, um es weiterverarbeiten zu können. Etwa zwei Stunden braucht die Meisterin für einen Filzhut. [...]

 

Polarisierende Aktivistin

Das Leben der Anwältin und Autorin Felicia Langer

altDiese Frau spaltet Menschen und Medien wie nur wenige Aktivistinnen dieser Zeit. Und trotzdem herrschte an jenem Besuchsabend in der Leipziger Moritzbastei ein Gefühl der Einstimmigkeit und Verbundenheit im überfüllten Raum. So, als ob keine weiteren Reibungen herbeigesehnt seien. Diese begleiten sie andernorts zur Genüge. Zuletzt nach einer Ordensverleihung in Berlin…


Die Rede ist von Felicia Langer, geboren vor 81 Jahren als Felicia-Amalia Weit im südpolnischen Tarnów. Als Kind jüdischer Eltern erlebt sie schon bald die Entwurzelung. Die Familie flieht 1939 vor der Wehrmacht in die Sowjetunion, viele andere Angehörige werden von den Nazis ermordet. 1949 heiratet sie in Breslau Mieciu Langer, der als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust überlebt hatte. Beide wandern ein Jahr später nach Israel aus. Dort studiert Felicia Langer Jura und lässt sich 1965 als Rechtsanwältin nieder. Nach unserem Selbstverständnis müsste die Frau aufgrund ihrer bitteren Erfahrungen eine überzeugte Zionistin werden und in ihrer Wahlheimat die arabischen Nachbarn als neue Bedrohung empfinden.


Doch bei Felicia Langer ist vieles anders und das mag nicht wenige irritieren. Aber Lebensläufe sind nicht vorgegeben. Langer wird Kommunistin und als 1967 der Sechstagekrieg ausbricht, ist ihr Wendepunkt gekommen, wie sie noch heute betont. „Als Rechtsanwältin habe ich die Tragödie in den besetzten Gebieten mit eigenen Augen erlebt und mein Mann wurde meine Klagemauer“, berichtet sie. Ihre Konsequenz: Vor israelischen Militärgerichten verteidigt sie palästinensische Zivilisten. Auch gehören israelische Kriegsdienstverweigerer bald zu ihren Mandanten. Nur wenige Fälle kann sie gewinnen, doch das ficht sie nicht an. Selbst dann nicht, als ihr vom Verteidigungsministerium die Lizenz entzogen wird. Denn schon längst gilt sie nicht nur bei Behörden als Sicherheitsrisiko. Sie schreibt Bücher mit z.T. programmatischen Titeln (u.a. „With own eyes“, „Der lange Weg zum Frieden“, „Die Frau, die niemals schweigt“) und ihre Haltung gegenüber Israel wird immer unversöhnlicher. Sie engagiert sich in der Liga für Menschenrechte, sie unterstützt antizionistische Bewegungen. Zur Besatzungs-, Trennungs- bzw. Siedlungspolitik Israels im Gaza-Streifen und in der Westbank sagt sie: „Hier entsteht eine Insel der Apartheid“. „Kolonialismus“ ist ein weiterer Begriff, den sie in diesem Zusammenhang gebraucht. Zumindest hier in der Moritzbastei erntet sie fast ausschließlich beifälliges Nicken. Und geradezu Beifall kommt auf, als sie verlauten lässt: „Wie kann ein Staat den Anspruch auf Land als Gott gegeben begründen? Gott ist doch kein Immobilienmakler!“ [...]

 

Titelthema: Leipzig liest wieder

altBildung, die Spaß macht - Leipziger Buchmesse wartet mit Neuheiten auf

Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, ist optimistisch: „Wir erwarten rund 2 100 Verlage und Dienstleister. Zunehmend nutzen kleine und mittelständische Verlage und Unternehmen unser Angebot und möchten ihre Produkte und Dienstleistungen in Leipzig vorstellen.“ Zu den Wachstumsbereichen zählen Belletristik, Sachbuch sowie Fokus BILDUNG. Hier sollen die wichtigsten bzw. neuen Themen der Messe vorgestellt werden.


Eine Marke für Pädagogen
Die Präsentationen der Verlage während der Buchmesse finden zu zahlreichen Themengebieten statt. Dazu gehören Comic, Manga und Fantasy, Fokus BILDUNG, Hörbuch, Junge deutsche Literatur, Musik, Mittel- und Südosteuropäische Literatur sowie die Antiquariatsmesse und die Verkaufsausstellung buch+art – Kunst rund um das Buch. Neu aufgelegt wird ein Bereich zum Thema DVD und Film.


Wiederholt tauchte das Themengebiet „Fokus BILDUNG“ auf. Durchaus kein Zufall. Mit dieser neuen Marke sollen Pädagogen angesprochen werden. „Fokus BILDUNG“ bündelt alle ausstellungs- und programmseitigen Angebote zum Thema Bildung. Die Inhalte reichen von frühkindlicher bis hin zur schulischen Bildung in der Abiturstufe. Dies umfasst sowohl die Angebote im Ausstellungsbereich Kinder- Jugend-Bildung in der Halle 2 sowie in den Themengebieten Hörbuch, Musik und Sachbuch. So erhalten Lehrer, Erzieher, Eltern und Schüler erstmals einen umfassenden Überblick und eine Orientierungshilfe für ihren Alltag auf der Leipziger Buchmesse.
Zwei neue Projekte bereichern künftig die spezielle Ausrichtung: der „Leipziger Lesekompass“ und die Vergabe des „Schulbuchpreis des Jahres“. „Diese zwei neuen Projekte untermauern Leipzigs Position als deutschlandweite Bildungsmesse“, erklärt Oliver Zille weiter. Der Lesekompass bietet in der Flut der jährlich rund 8000 neu erscheinenden Kinder- und Jugendbücher eine Navigationshilfe für Lehrer, Erzieher und andere pädagogische Fachkräfte. Eine Fachjury gibt jeweils 10 Buchempfehlungen für die Altersgruppen zwei bis sechs Jahre, sechs bis zehn Jahre und zehn bis vierzehn Jahre, die sich ganz besonders in Schulen und Kindertagesstätten für Lesespaß eignen. Die dreißig ausgewählten Bücher, werden am Messedonnerstag, 15. März 2012, vorgestellt und mit dem „Leipziger Lesekompass-Siegel“ ausgezeichnet.


Gezeichnete Romane
Die „Persepolis“-Bände der Exiliranerin Marjane Satrapi oder „Asterious Polyp“, der Geniestreich des US-Zeichners David Mazzucchelli, zeigen es eindrucksvoll: Aufwändig inszenierte Graphic Novels halten nicht nur dem Vergleich mit großen Entwicklungsromanen stand – sie ziehen auch alle Register dessen, was Comic graphisch zu leisten vermag. Nur folgerichtig, dass dieses vom Handel hierzulande langsam entdeckte Genre auch auf der Messe Fuß fasst. Nicht nur im angestammten Comic-Bereich: Neben Spezialisten wie Reprodukt oder Edition Moderne haben auch Belletristik-Verlage wie Knesebeck, Carlsen oder Walde + Graf große Bildromane im Gepäck. Unter dem Titel „Graphic Novel – Müssen Comics jetzt so heißen?“ widmet sich eine prominent besetzte Runde auf der Leseinsel junger Verlage dem Phänomen. [...]

 

20 Stelen zur Geschichte

„Orte der Friedlichen Revolution“ – neue Ausstellung im Stadtraum

altManch einem sind sie schon aufgefallen, die grauen Stelen aus Streckmetall in der Leipziger Innenstadt. Es handelt sich dabei um eine neue, ständige Ausstellung, die 20 solcher Stelen umfasst. Anhand historischer Fotos sowie deutschen und englischen Texten dokumentieren sie einen wichtigen Zeitabschnitt in der jüngeren Geschichte Leipzigs, die Zeit zwischen Januar 1989 und März 1990. Chronologisch wird dargestellt, welche Ereignisse und Aktionen zu dieser Zeit an den Originalschauplätzen stattfanden. Gleichzeitig belegen die Fotos, wie sich Leipzig in den letzten 22 Jahren städtebaulich veränderte.


Räumliche und zeitliche Entwicklung des politischen Protestes
Die Stelen 1 bis 7 zeigen eindrucksvoll und mit noch weitgehend unbekannten Fotos, dass die Bürger in Leipzig nicht erst im Herbst ’89 sondern bereits viele Monate zuvor anfingen, öffentlich gegen das DDRRegime zu protestieren. Die Dokumentation beginnt mit dem 15. Januar 1989 in der Petersstraße. Damals versammelten sich ca. 500 Bürger auf dem Marktplatz, um für demokratische Grundrechte zu demonstrieren. Dazu hatten Mitglieder der Leipziger Oppositionsbewegung mit etwa 4 000 Flugblättern aufgerufen. Somit beteiligten sich an diesem Tag erstmals überwiegend Bürger, die nicht in der Opposition engagiert waren, an einer ungenehmigten Demonstration. Es folgten Friedensgebete und Ausreisedemonstrationen verstärkt während der Frühjahrsmesse im März, denn wegen der anwesenden westlichen Journalisten verhielten sich Polizei und Staatssicherheit zurückhaltend. Im Mai ’89 organisierten verschiedene Oppositionsgruppen eine „Kontrolle“ der Stimmenauszählung bei der Kommunalwahl. So gelang es erstmals den von der SED organisierten Wahlbetrug nachzuweisen. Über dieses Ereignis informiert eine Stele auf dem Marktplatz.


Die Stelenausstellung greift somit nicht nur bekannte Ereignisse, wie die Montagsdemonstrationen oder die Besetzung der Stasi-Zentrale auf, sondern informiert auch über kleinere, aber deshalb nicht unbedeutendere Aktionen der Opposition. Hierzu zählt auch der Pleißepilgerweg, wo im Juni ’89 etwa 1 000 Personen entlang des stark verschmutzten und daher unterirdisch kanalisierten Flusses gegen Umweltzerstörungen demonstrierten. Die Stele zu diesem Ereignis befindet sich in der Karl-Liebknecht-Straße / Gustav-Freytag-Straße. Eine andere Form des politischen Widerstandes war das von Leipziger Oppositionsgruppen organisierte Straßenmusikfestival. Trotz Verbotes trafen sich am 10. Juni Musiker aus der gesamten DDR, um für die Freiheit der Kunst zu spielen. Die gewaltsame Auflösung der Veranstaltung durch die Volkspolizei löste bei vielen Passanten Entsetzen aus. [...]

 

Schokolade – leidfreier Genuss?

Kindersklaven schuften auf Kakao-Plantagen in Afrika

altWer liebt nicht Schokolade? Die zarteste Versuchung, quadratisch und praktisch oder auch Kinderschokolade? Doch so bitter es klingt: Schokolade bedeutet für viele Kinder ein erbärmliches Leben.


Frühzeitig Invaliden
Speziell in Afrika, wo ein Großteil der Kakaobohnen für die weltweite Schokoladenproduktion geerntet wird (allein 40 Prozent in der Elfenbeinküste), ist der Handel mit Kindersklaven an der Tagesordnung. Umgerechnet zwischen 200 und 250 Euro zahlt ein Kakaobauer für einen Kindersklaven. Die meist zwischen 10 und 14 Jahre alten Jungen werden von Menschenhändlern entführt und in den Nachbarländern verkauft.
Diese Kinder müssen dann von morgens bis abends auf den Plantagen arbeiten, bei brütender Hitze – sieben Tage in der Woche. Sie erhalten karges Essen und natürlich keinerlei Lohn. Häufig werden sie miserabel behandelt und geschlagen. Durch die körperlich schwere Arbeit sind sie nach einigen Jahren meist Invaliden. Mit Macheten ernten sie die Kakaobohnen, hierbei kommt es immer wieder zu Verletzungen. Auch Pestizide werden von ihnen verspritzt – ohne Schutzkleidung. Schwere Kanister mit den hochgiftigen Flüssigkeiten tragen die Kinder auf dem Rücken. Das Gift gelangt nicht nur auf die Bohnen, sondern auch in die Atemwege und auf die Haut der Kinder.
Zum Pflücken der Bohnen müssen die Kinder auf Bäume klettern, immer wieder kommt es zu Verletzungen bei Stürzen. Durch das Tragen viel zu schwerer Körbe mit Kakaobohnen bekommen die Kinder Haltungsschäden. Häufig werden die Sklaven nachts eingesperrt, damit sie nicht flüchten können.
Schokolade – das Produkt für dass sie schuften, bekommen sie selbst natürlich nie zu sehen.


Kleinbauern in Ruin getrieben
Nach Schätzungen von Unicef schuften über 200 000 Kindersklaven auf den Kakao- Plantagen Afrikas. Zwar gibt es ein internationales Abkommen gegen Kinderarbeit, doch Kontrollen sind Fehlanzeige. Zwar kaufen Kakaobauern auch Kindersklaven ein, obwohl sie selbst bettelarm sind. Doch die wahren Nutznießer des Verbrechens sind ganz andere. Es sind die großen Konzerne, die sehr geringe Preise für die Kakaobohnen zahlen – Preise, die obendrein ständig stark schwanken und so immer wieder Kleinbauern in den Ruin treiben. [...]

 

Titelthema: Handwerk hat Zukunft

altEin Hut, ein Stenz, ein Geselle - „Tippelei“ - Leben und Lernen auf der Straße

Seit dem Mittelalter wandern Gesellen nach Abschluss ihrer Lehre, um bei verschiedenen Meistern ihrer Zunft zu arbeiten und somit nicht nur ihren fachlichen sondern auch weltlichen Horizont zu erweitern. Ursprünglich begaben sich Gesellen fast aller Handwerksberufe und insbesondere des Bauhandwerks auf Wanderschaft. Die Zünfte schickten die jungen Handwerker in andere Städte, um den Arbeitsmarkt vor Ort zu regulieren. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts besaß die Gesellenwanderung Kontinuität. In der NS-Zeit wurden die Gesellenvereinigungen, Schächte genannt, und die damit einhergehenden Bräuche verboten. Nach dem Krieg lebte die Wandertradition wieder auf. Jedoch wurde sie in der DDR aufgrund der Unkontrollierbarkeit bald wieder verboten.


Seit Mitte der 90er Jahre erfreut sich die Tradition der reisenden Handwerker steigender Beliebtheit. Heute wandern Gesellen aus über 20 verschiedenen Handwerksberufen weltweit. Zur Zeit sind etwa 500 Frauen und Männer zünftig unterwegs und bieten ihre Arbeit nicht nur im Baugewerbe sondern auch als Buchbinder, Goldschmied oder Schneider an. Mit der Wanderbewegung entwickelte sich eine eigene Kultur, reich an Zeremonien und Ritualen, die bis heute überdauert haben und zum großen Teil nur mündlich weitergeben werden.


Das Fernweh lockte
Philip aus Berlin ist gelernter Zimmermann und seit über zwei Jahren als reisender Handwerker unterwegs. Bei der sehr bildhaften Schilderung seiner Reiseerlebnisse benutzt der 29-Jährige immer wieder Begriffe aus der traditionellen Sprache der Wandergesellen, dem Rotwelsch. Soziale Randgruppen und fahrendes Volk entwickelten vermutlich im 13. Jh. eine Art Geheimsprache, wobei viele Wörter jiddischen oder hebräischen Ursprungs sind. Bis heute sprechen die Gesellen bei der Arbeitssuche auf traditionelle Weise und unter Ausschluss Dritter vor. Anhand des Vorsprechrituals konnte sich der Arbeitssuchende früher als wahrer Geselle „ausweisen“.
Der Entschluss auf Wanderschaft zu gehen, reifte bei Philip bereits während seiner Lehrzeit. Ihn beeindruckten das Wissen und die Erfahrung der Altreisenden, zudem lockte ihn das Fernweh: „Berlin ist nicht alles auf der Welt!“. Ehemals reisende Gesellen, welche nun „einheimisch“ sind, machten Philip mit den Bräuchen und Regeln der Wanderschaft vertraut. Er schloss sich der Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“ an und muss nun mindestens drei Jahre und einen Tag zünftig reisen. Als zünftig Reisende werden nur Wandergesellen bezeichnet, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie besitzen einen Gesellenbrief, sollten bei Beginn der Wanderschaft nicht älter als 30 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos, unverschuldet und nicht vorbestraft sein. Während der Wanderzeit darf Philip die Bannmeile von 50 km um seinen Heimatort Berlin nicht überschreiten. Die ersten 2 bis 3 Monate der Reisezeit gelten als „Vogtburschenzeit“, eine Art Probezeit. In dieser Phase begleitet ein Altreisender den Wandergesellen, bis dieser den Wunsch äußert, nun selbständig weiterzuziehen. [...]

 

Das Loch im Zaun

Der wilde Fußballverein „Bastards United International FC“

altVor zwölf Jahren trafen sich einige Fußballverrückte zum ersten Mal auf einem versteckten Platz im Leipziger Süden, um ihrem Hobby nachzugehen. Doch der regelmäßige Fußballtreff ist für alle Beteiligten längst mehr als nur ein Freizeitvergnügen. Für viele ist der wilde Verein „Bastards United International FC“ inzwischen zur zweiten Familie geworden.

„Achim“ ist 51 und steht im Tor. Er muss mitansehen, wie „der Lange“, 13 Jahre jünger, den letzten Abwehrspieler stehen lässt, schnell tankt er sich durch und hat freie Schussbahn. „Der Lange“ nimmt Maß, holt aus, doch im letzten Moment verspringt der Ball in einem der zahllosen kleineren Löcher im aufgewühlten Boden. Der so unberechenbar gewordene Schuss schlägt unhaltbar im Tor ein. Das Gehäuse zittert und, hätte „Achim“ nicht mit eigenen Händen vor einiger Zeit das Metalltor mit Schienen geflickt, sicher wäre es krachend zusammengebrochen. „Der Lange“ ballt die Faust und klatscht bei seinen Mannschaftskollegen ab, sein Ausgleichstreffer wird später gewissenhaft notiert und ausgewertet, genauso wie der Rest des Spielgeschehens.


Was sich zunächst anhört wie normaler Vereinsalltag, ist auf den zweiten Blick eben doch nicht so gewöhnlich. Denn die Bastards United sind ein wilder Verein, der nur inoffiziell besteht. Die Mannschaft ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Arbeitsuchenden, Studenten, Schülern, Immigranten und Leuten, die einfach zufällig vorbeikamen. Schon immer war die Fluktuation der Spieler dabei hoch. Einige, die heute auf dem Platz stehen, machen zum ersten Mal mit, andere, wie „der Lange“, sind von Beginn an dabei. Das heißt seit zwölf Jahren. Auch das Alter spielt hier keine große Rolle, jeder der ein wenig mit dem Ball umgehen kann und will, wird bei den Bastards aufgenommen. Hier treffen die verschiedensten Generationen, Nationalitäten und sozialen Schichten aufeinander, um zusammen der schönsten Nebensache der Welt nachzugehen.


Vergessenes Fußballparadies
Jeden Montag und Donnerstag trifft man sich auf dem versteckten Platz, mal zu viert, mal zu zwanzigst, je nachdem, wer gerade Zeit und Lust hat. Dabei spielt das Wetter keine Rolle. Selbst im kältesten Winter, bei Eis und Schnee, zwängen sich die Bastard durch das Loch im Zaun auf „ihren“ Platz. Genau der stellt die größte Besonderheit des wilden Vereins dar. Leipzig hat viele öffentliche Fußballplätze, doch die Heimspielstätte der Bastards gehört nicht dazu. Sie ist so inoffiziell wie der Verein selbst. Von der Straße aus nicht zu erkennen liegt der Platz geschützt von Bäumen und Dickicht hinter einem langen, soliden Metallzaun. [...]

 

„…und ich rede sehr schlecht.“

Zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs Friedrich II.

altHier soll also nicht noch mal das Leben des preußischen Königs Friedrich II. aufgerollt werden, der am 24. Januar 1712 in Berlin geboren wurde, mit 28 Jahren den Thron bestieg und nach über 46jähriger Regentschaft zurückgezogen in Sanssouci starb. Vielmehr wollen wir an dieser Stelle Begebenheiten herausgreifen, die Friedrich II. und Leipzig in Verbindung bringen. Sie gab es mehrfach.


Bach auf die Probe gestellt
Schon wenige Jahre nach Beginn von Friedrichs Regentschaft 1740 gab es mit einer Geistesgröße aus Leipzig eine denkwürdige Begebenheit – mit Johann Sebastian Bach. Sie kam unter Vermittlung von Bachs zweiältestem Sohn, Carl Philipp Emanuel, zustande. Der Sohn des Thomaskantors war schon längere Zeit am Hofe Friedrichs II. als Musiker angestellt und Anfang Mai 1747 konnte Vater Bach nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen endlich nach Potsdam reisen, um neben dem lang ersehnten Besuch der Familie seines Sohnes auch den König zu treffen. Friedrich war nicht nur „der erste Diener des Staates“, wie er von sich selbst forderte, sondern auch ein passabler Flötenspieler und Komponist. Doch zu Friedrichs unberechenbarem Wesen gehörte es, andere Leute herauszufordern und sie auf die Probe zu stellen. Bei Bach war es die Musik.


An jenem Maitag spielen sich der Monarch und der Kantor gegenseitig vor – der eine auf der Flöte, der andere am Cembalo. Friedrich bittet Bach, auf seinem „königlichen Thema“ eine Fuge zu improvisieren. Für den Kantor in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Doch er gibt sich nicht geschlagen, improvisiert zunächst eine dreistimmige Fuge – sehr zur Überraschung des Monarchen, um sich dann, zurückgekehrt nach Leipzig, noch einmal an das Thema heranzumachen. Im Sommer 1747 kann er das Werk abschließen und widmet es Friedrich II. unter dem Namen „Musikalisches Opfer“ und schickt es nach Potsdam. Durchaus ein doppeldeutige Bezeichnung. Man kann es sowohl als Huldigung als auch als Anspielung auf Friedrichs Versuch werten, Bach besonders tückisch herauszufordern.


Mit Deutsch auf Kriegsfuß
Es folgten weitere Berührungen mit Leipzig, jedoch aus Sicht der Messestadt dann aus weniger erfreulichem Anlass: Besetzung und Dranglasierung.


Bekanntlich hatte der Preußenkönig drei Kriege vom Zaun gebrochen, um das reiche Schlesien zu erobern und dann, um es zu halten. Sofort nach Ausbruch des 3. Schlesischen Krieges (Siebenjähriger Krieg) wird die Stadt am 29. August 1756 von den Preußen besetzt. Denn Sachsen gehört wiederholt zum Aufmarschgebiet der Preußen gegen die Österreicher. Ein Jahr später hält Friedrich II. in Leipzig Einzug und logiert im Apelschen Haus am Markt. Der Monarch ist bekannt für seine Geringschätzung deutscher Sprache und Literatur. Französisch ist sein Maßstab. Zu dieser Zeit ist der unermüdliche Sprach- und Theaterreformer Johann Christoph Gottsched Rektor der Leipziger Universität. Seine Abhandlungen über die „Deutsche Sprachkunst“ hatten gerade für große Anerkennung gesorgt. Natürlich wusste auch Friedrich davon und amüsiert nennt er Gottsched einen „cygne saxon“, einen „sächsischen Schwan“, der „die Herbheit der Töne einer barbarischen Sprache mildern werde.“ In seinem Leipziger Quartier lässt der Monarch also den Gelehrten zu sich kommen und sich einige Übersetzungen Gottscheds aus dem Französischen vorlesen. Dabei vergleicht er sie mit dem Original. Über sein Treffen mit dem König 1757 und dessen Reaktion schreibt Gottsched an einen Freund in Königsberg:
„Ob er nun gleich viele deutsche Worte nicht verstund, so kritisierte er doch andere sehr gründlich und lobte wieder viele Stellen, die ich besser ausgedrückt hätte, als er sich jemals möglich zu sein eingebildet hätte. Als ich sagte, daß die deutschen Dichter nicht genug Aufmunterung hätten, weil der Adel und die Höfe zu viel Französisch und zu wenig Deutsch verstünden, um alles Deutsche recht zu schätzen, sagte er: ,Das ist wahr, denn ich habe von Jugend auf kein deutsches Buch gelesen und ich rede sehr schlecht, … jetzo bin ich aber ein alter Kerl von 46 Jahren und habe keine Zeit mehr dazu.“ [...]

 

Titelthema: Leipzig lebt Kultur

altDie ganze Stadt ist Bühne - Auch fernab der großen Häuser jede Menge Theater

Leipzigs Westen ist fraglos das in Theater-Sachen dichteste Quartier der Stadt. Das städtische Theater der Jungen Welt und das LOFFT – eine freie Produktionsstätte für Theater und Tanz – sind im Theaterhaus am Lindenauer Markt lange eingesessen. Ganz in der Nähe residiert die Musikalische Komödie, die zur Oper gehört. Einige Fußminuten entfernt steht die Schaubühne Lindenfels, die wieder verstärkt ihr Profil als Theaterort schärft. Im Nebenhaus hat sich vor sechs Jahren mit dem Lindenfels Westflügel eine internationale Produktionsstätte für Figurentheater etabliert. Und im Westwerk lockt in den wärmeren Monaten die Sommertheaterbühne des TheaterPack mit dramatischer Kunst. Seit einem Jahr nun gibt es in der Lützner Straße 29 mit dem Neuen Schauspiel Leipzig einen weiteren Theaterort.


Als die Öffentlichkeit den Namen im Frühjahr 2010 zum ersten Mal vernahm, wurde so manches dahinter vermutet. Ist das ein Angriff auf die Intendanz von Sebastian Hartmann? Sein Centraltheater hatte schon damals nicht immer gute Presse und zu dieser Zeit kochte auch der Streit mit dem inzwischen in seinem Machtbereicht beschnittenen Kulturbürgermeister Michael Faber hoch. Wollte sich das neue Haus in Lindenau bewusst zum Stadttheater abgrenzen? Auf die Gerüchte angesprochen, müssen Claudia Rath und Markus Czygan, zwei der vier Initiatoren, lachen. Mit Leipzig hatten die aus Würzburg Zugezogenen ursprünglich wenig am Hut. „Ja, es ist viel spekuliert worden. Dabei war es gar nicht unsere Absicht, die Gerüchteküche mit dem Namen zu bedienen“, erklärt Rath schmunzelnd. „Er war eigentlich eine Schnapsidee und dann ist es bei ihm geblieben.“


Potenzial liegt an der Pleiße
Dass die Aufmerksamkeitsspirale durch die Munkeleien nach oben gedreht wurde, stört sie natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, schließlich wissen sie, dass das Theatermachen kein Zuckerschlecken ist. Denn die Gründung des Neuen Schauspiels ist keine fixe Idee. Die beiden waren lange in der Würzburger freien Theaterszene involviert. In der fränkischen Stadt habe sich die Szene aber totgetreten und sie im urbanen Geflecht an der Pleiße Potenzial gesehen. Die Verbindung von Live-Musik und Theater soll zur Handschrift werden, mit der das Neue Schauspiel sich von den anderen Orten abhebt. In der recht kurzen Zeit hat es sich bereits als Bühnenstatt soweit etabliert, dass einige freie Gruppen ihn bereits als Aufführungsort benutzen.


Und freie Gruppen gibt es nicht wenige in der Stadt. Darunter befinden sich etwa mit der Theaterschaft und Heike Hennig & Co., der Tanzcompanie mintrotundschwarz und dem Leipziger Tanztheater professionelle Theatermacher, die sich die Realisierung sowie Finanzierung jeder neuen Produktion hartnäckig erstreiten müssen. Sie tragen maßgeblich zur ästhetischen Vielfalt und Qualität der dramatischen Landschaft an der Pleiße bei. Als Produktions- und Aufführungsorte nutzen sie zum Beispiel das LOFFT und die Schaubühne Lindenfels, sind aber permanent auf der Suche nach weiteren Frei-Räumen, denn die hiesigen Bühnen sind knapp. [...]

 

Das Jahres-ABC

Rückblicke und Ausblicke mit Augenzwinkern

altA wie Abholzung – Im Frühjahr ging‘s an Leipzigs Deichen ordentlich zur Sache. Mit Kettensäge und Rundumschlag-Eifer. Weil Bäume auf Deichen nichts zu suchen haben, wie die Landestalsperrenverwaltung meint. Rasierte Deiche sollen den Auwald vor Wasser (!) schützen. Man sollte unseren Auwald vor jemand anderem schützen.


B wie Brühl – Leipzigs größte Innenstadtbaustelle wurde in Angriff genommen. Ein Biotop statt Einkaufsmeile wäre ja auch nicht schlecht gewesen. Aber den gibt’s immerhin noch auf dem Burgplatz und wie es aussieht, bleibt er uns noch lange erhalten in seiner schönen Unvollkommenheit.


C wie China – Haben doch die Kommunisten da in Peking den Amerikanern ins Stammbuch geschrieben, wie man erfolgreich Kapitalismus praktiziert. Und Amerikaner protestieren in der Wallstreet gegen das Finanzkapital. Wenn das Karl Marx wüsste…


D wie Doktorarbeit – Was dieser zu Guttenberg kann, bekomme ich auch hin, dachte sich Jugendamtsleiter Siegfried Haller und schrieb ab. Muss ja auch nicht sein, für eine Dissertation so viel Zeit zu verschwenden. Hauptsache man hat den Titel. Nur: Karl-Theodor ist inzwischen in den Staaten und Siegfried immer noch in Leipzig.


E wie Energiewende – Raus aus den Atomen, dafür die Windhose angezogen oder die Sonnenbrille aufgesetzt. Oder ist es am Ende doch wieder die olle Kohle, mit der gleiches gemacht werden soll? Mensch, dann hätten wir doch unseren Cossi und andere Tagebaulöcher erst gar nicht fluten brauchen!


F wie Frauenfußball – Ein zweites Sommermärchen sollte es werden, so richtig mit Prinz und Gefolge, verwirklicht von unseren Mädels im weiß-schwarzen Dress im eigenen Land. Frau hat sich bemüht. Doch aus dem Märchen wurde nur eine Kurzgeschichte.


G wie Griechenland – Mit Griechenland begann Europa, mit Griechenland… na, wir wollen mal nicht zu schwarz sehen. Schließlich gibt es ja noch die gute, alte Drachme, die man wieder einführen kann zum Wohle der anderen Euro-Länder. Darauf einen Ouzo, Hellas!


H wie Heidi – Ein Kondolenzbuch für eine schielende Beutelratte. Auf so einen Marketing-Coup muss man erstmal kommen. Der Leipziger Zoo hat‘s gemacht. Und es gab viele Trauernde, die sich doch tatsächlich in dem Buch verewigt und so manche Träne für das dahingegangene Opossum weggedrückt haben. Ach, Heidi, würdest du noch leben, dann: Heidi for president! [...]

 

Für einen Neubeginn

Die Leipziger Wohngruppe für Mädchen begleitet und hilft

altInzwischen ist sie vorangekommen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Dass sie selbst dafür vor allem Verantwortung trägt, hat die nun 17-Jährige Schritt für Schritt gelernt. Und schwer für sie war alles genug. Als der neue Freund der Mutter in die Wohnung zog, der Streit immer mehr eskalierte und oft mit Schlägen endete, war es für Stefanie einfach zu viel. Mit 14 Jahren haute sie von zu Hause ab.


So oder ähnlich haben es M. Kreutzmann, Sozialpädagogin, und ihre Kolleginnen in der Mädchenwohngruppe mehrmals erlebt. Träger dieser Einrichtung in der Leipziger Schachtstraße ist der Internationale Bund. Ist ein Mädchen in Not, findet es hier rund um die Uhr Aufnahme und Beratung. Die Dienst habende Sozialarbeiterin muss dann zunächst entscheiden, ob eine Inobhutnahme der Jugendlichen nach § 42 des Jugendschutzgesetzes angezeigt ist. Das geht nicht ohne das Einverständnis der Eltern. Dann ist es Sache des Jugendamtes, weitere Schritte einzuleiten. Lässt sich das Problem mit den Eltern klären? Ist eine ambulante Hilfe angezeigt? Oder empfiehlt sich eine Unterbringung in der WG, wenn eine schnelle und für alle Beteiligten zumutbare Lösung nicht absehbar ist?


Acht Mitarbeiterinnen und eine Praktikantin – Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen – sorgen sich in der Wohngruppe um 12- bis 18-jährige Mädchen, deren Leben aus dem Gleis geraten ist. Sechs Plätze stehen in dieser Einrichtung für ein betreutes Wohnen zur Verfügung. Nur in Ausnahmefällen sind die Bewohnerinnen älter als 18. So fand vor einiger Zeit eine junge Mutter mit ihrem Baby hier in der WG Aufnahme und umfassende Betreuung.
Das Jugendamt vergibt die Plätze in eine in dieser speziellen Problematik tätigen Einrichtungen für junge Mädchen. Sind die ersten Tage in der Wohngruppe mit ihren Regeln für manche durchaus erst einmal gewöhnungsbedürftig, lässt sich generell sagen: Wird die vielseitige Hilfe der Betreuerinnen erst einmal angenommen, beginnt für die Mädchen ein neuer Lebensabschnitt. Stefanie aus der WG zum Beispiel erlebt zurzeit ihre letzten Tage in Die Leipziger Wohngruppe für Mädchen begleitet und hilft leben der Gemeinschaft. Sie hat ein eigenes Zimmer im Haus bezogen, zu dem eine kleine Küche gehört. Stefanie „trainiert“ das Leben in eigener Verantwortung. Sie steht kurz vor ihrem Ausbildungsabschluss, wird Geld verdienen und sich eine kleine Wohnung mieten können. Sie ist auf dem richtigen Weg.
Diese Entwicklung ihrer „Zöglinge“ ist das Ziel und auch der Wunsch von M. Kreutzmann und ihren engagierten Kolleginnen. Wenn es irgendwie geht, werden die Eltern auf diesem Weg mitgenommen. Erfreulicherweise verbessern sich oft im Laufe der Zeit die Eltern-Kind-Beziehungen langsam, nicht immer von allein, sondern unter behutsamer Führung Dritter.
Durchaus nicht immer laufen die Dinge jedoch so komplikationslos.
Den ursprünglichen und in vielen Städten noch gebräuchlichen Begriff „Mädchenzuflucht“ hat die Leipziger WG längst abgelegt. „Er greift einfach zu kurz und meint nicht das, was wir als unseren Schwerpunkt sehen,“ meint M. Kreutzmann dazu. [...]

 

Titelthema: Ein langes Wohnen

altSo lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben

Ein Traum unterm Dach: Wenn Susanne H. aus dem Panoramafenster schaut, kann sie abends bei schönem Wetter den Sonnenuntergang über der Rosentalwiese erleben. Blickt sie nach rechts, erkennt sie das Dachgewölbe von Leipzigs neuester Attraktion, dem Gondwanaland sowie den Turm der Kongresshalle. Und wenn sie auf die Dachterrasse des Erkers tritt und sich nach Süden wendet, hat sie die City mit ihren Kirchen zum Greifen nahe.


Bei ihrer Suche nach einer neuen Wohnung konnte Susanne H. aus dem Vollen schöpfen und sich Zeit nehmen, bis sie vor wenigen Wochen die für sie optimalste Variante fand. Nähe zu ruhigem, grünen Ort und doch inmitten der Großstadt. Topsaniert, mit Fahrstuhl. Und den Wolken ein Stück näher. Und alles für 450 Euro warm. Hier gibt es alles, was schönes Wohnen ausmacht und alles für den, der das städtische Leben bevorzugt.
In Leipzig kann man das. Nie scheint Wohnen in der Messestadt günstiger und attraktiver zu sein als derzeit. Jedenfalls meinen das die meisten Leipziger, und ein im vorigen Jahr vorgestelltes Gallup-Umfrageergebnis im Auftrag der EU-Kommission bestätigte diesen Eindruck: 72 Prozent der Befragten gaben an, dass es in ihrer Stadt einfach sei, guten Wohnraum zu einem vernünftigen Preis zu finden. Damit hat Leipzig das beste Wohnungsangebot in Europa (die Umfrage wurde in 75 Städten aller EU-Staaten sowie in der Türkei durchgeführt).
Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet eine Stadt, die als „Armutshauptstadt Sachsens“ bezeichnet wird, in Sachen Wohnen den anderen Konkurrentinnen den Rang abläuft – noch dazu in internationalem Rahmen? Die Spanne ist breit und für jeden Geldbeutel ist etwas zu haben: von 3,90 Euro in einfachen Lagen bis 9,40 Euro pro Quadratmeter im sanierten Altbau. Es gibt immer weniger leerstehende Wohnungen und trotzdem bleiben die Mieten relativ stabil. Noch. Das ist Leipzigs Schokoladenseite.
Und Wohnen wird auch attraktiver, wenn man weniger Gebühren entrichten muss. Für Leipzig heißt das: Die Kommunalen Wasserwerke (KWL) senken ihre Gebühren für Wasser/Abwasser. Ab Januar 2012 werden rund 75 000 Kunden (96 Prozent aller Kunden der KWL) um rund 8 Millionen Euro pro Jahr entlastet. Was also die Gebäudeeigentümer entlastet, ist am Ende auch von Vorteil für die Mieter, weil die Ersparnis weitergereicht wird. Rein rechnerisch gesehen zahlt dann ein Verbraucher in einem Gründerzeit-Mehrfamilienhaus 131 Euro im Jahr statt bisher 144 Euro – sinkende Gebühren als ein Indikator für Wohnqualität.


Demographischer Wandel
So weit, so gut. Nicht zuletzt die Zuwanderung begründet die wachsende Auslastung bei Wohnraum. Was ebenso wächst: die Zahl der Älteren, die der Singles, die der Alleingebliebenen. Heutzutage leben in jedem zweiten Leipziger Haushalt Singles. Bei den älteren Bewohnern: Die Zahl der über 80-Jährigen in der Stadt liegt derzeit bei rund 29 000. Bis 2025 wird sie auf fast 50 000 steigen. Der demographische Wandel hat längst eingesetzt. Für die kommunalen, genossenschaftlichen und privaten Wohnungsanbieter bzw. Vermieter heißt das, diesem Wandel Rechnung zu tragen. [...]

 

Die Kinder von Don Quijote

Bundesweites Filmfestival „ueber Mut“ mit ungewöhnlichem Beitrag

altIm Rahmen des Filmfestivals „ueber Mut“ brachte die Aktion Mensch den Film „Les Enfants de Don Quichotte“ in die deutschen Kinos. Das Werk ist die Dokumentation einer Protestaktion in Paris, welche auf die elenden Zustände von Obdachlosen aufmerksam machen wollte.


Die Brüder Legrand, Pascal Oumakhlouf und Ronan Dénécé haben im Winter 2006 diese Aktion gestartet, am Ufer des Kanals Saint-Martin in Paris errichteten sie ein Zeltlager für Obdachlose und Sympathisanten. Beidseitig der Seine waren über 100 Zelte aufgestellt, deren Bilder um die Welt gingen. Normalerweise sind diese Ufer der Seine ein Anziehungspunkt für Touristen, die dort auf der Suche nach der verlorenen Romantik dem Bild der Stadt der Liebe nachspüren. Unvorbereitete Spaziergänger und Flaneure werden nicht übel gestaunt haben, wenn sie statt der erhofften Romantik jene roten Zelte mit lagernden Obdachlosen vorgefunden haben.


Störfaktor im Wahlkampf
Der Zeitpunkt der Aktion war gut gewählt, denn in Frankreich war gerade Wahlkampf, und eine solche Aufmerksamkeit hat die Themen entscheidend beeinflusst. Man fühlte sich gestört, darum hat man der Organisation vorgeworfen, sie würden die Obdachlosen für ihr politisches Engagement instrumentalisieren. Den Machern der Aktion war klar, dass sie nur dann etwas erreichen, wenn es ihnen gelingt, die Aufmerksamkeit der Massen nachhaltig zu gewinnen, denn unsere Zeit braucht dieses Spektakel, es rührt unser statistisches Gewissen, das Gefühl an etwas Bedeutendem Teil zu haben. Lange schon genügt es nicht mehr, durch eine Demonstration Aufmerksamkeit zu erregen, das Weltgeschehen an dem wir, auch dank der Medien teilhaben, bringt so viel Höhepunkte zu Tage, die unsere Anteilnahme schon vielfach aufbraucht, und eine Gruppe Spaziergänger mit Transparenten erntet oft genug nur ein Achselzucken. Die Geschehnisse trafen die Öffentlichkeit unvorbereitet. Da die Aktion an Sympathie gewann, war es nicht mehr möglich, das Vorhaben mit der Ordnungsmacht zu untersagen, wie das bei der ersten Aktion am Place de la Concorde geschehen war. Dort, am ursprünglich geplanten Zeltlager, waren die Einsatztruppen der Polizei, noch ehe die Zelte aufgestellt waren, zur Stelle und hatten die Protestierenden kurzerhand weggedrängt.


Am Kanal Saint-Matin war die Presse den Ordnungshütern zuvorgekommen und die Öffentlichkeit war informiert. Den politischen Würdenträgern blieb nichts anderes mehr übrig, als die Wohnproblematik der Obdachlosen im Wahlkampf zu thematisieren, da sie sonst von der aufmerksam gewordenen Bevölkerung hätten abgestraft werden können. So kam es zu immer eindeutigeren Zusagen von Seiten der Politiker. In der Neujahrsansprache des damaligen Präsidenten Jacques Chirac wurde eine Lösung zugesichert. Und im Februar ein einklagbares Recht auf Wohnraum verabschiedet. Das Zeltlager wurde aber nicht aufgehoben, da sich die Macher hintergangen fühlten, denn Anordnungen und Versprechen wurden nur zögerlich umgesetzt. [...]

 

Spurensuche in Königsberg

Unterwegs mit dem Richard-Wagner-Verband Leipzig

altDer für sich schon sehenswerte Dom von Königsberg (Kaliningrad) ist seit Mitte September um eine Attraktion reicher. Sie ist etwa 100 mal 80 Zentimeter groß, aus Bronze und hängt im Westchor des imposanten Gebäudes. Die Tafel zeigt ein Relief Richard Wagners mit der Inschrift in Deutsch und Russisch: „1836 –1837 lebte und wirkte in Königsberg der grosse deutsche Komponist Richard Wagner“.


Was ein echter Wagnerianer ist, der weiß, dass der gebürtige Leipziger und notorische Schuldner nicht allein zum Komponieren in die ostpreußische Metropole kam, sondern wieder einmal auf der Suche bzw. auf der Flucht war. Entweder saßen ihm die Gläubiger im Nacken oder er hoffte, eine lukrative Anstellung zu finden. An seiner Seite in diesen rastlosen Jahren: die vier Jahre ältere, attraktive Schauspielerin Minna Planer, geboren im sächsischen Oederan. Wagner hatte sie 1834 in Magdeburg kennengelernt. Königsberg schien insofern ein erster kleiner Lichtpunkt im bisherigen Leben des Paares zu sein, als dass Minna Planer hier an den Ufern der Pregel eine Anstellung am Theater fand und Wagner ihr über Berlin kommend nachreiste, nachdem die Uraufführung seiner Oper „Das Liebesverbot“ in Magdeburg im Chaos geendet und die Direktion die Künstler nicht bezahlt hatte. Am 24. November 1836 heirateten Minna und Richard in der Tragheimer Kirche, die im Königsberger Stadtteil Roßgarten stand.


Abend begeisterte 500 Gäste
Die Trauung liegt also 175 Jahre zurück, und dieses Jubiläum nahm sich der Richard-Wagner-Verband Leipzig e.V. zum Anlass, sowohl mit Verbandsmitgliedern als auch Interessenten nach Kaliningrad zu reisen, dort für mehrere Tage den Spuren des Komponisten zu folgen und an seinen und Minnas Aufenthalt zu erinnern. Dazu gehörte die Enthüllung der vom Verband gestifteten Gedenktafel im wiederaufgebauten Dom. Den Akt vollzogen Verbandsvorsitzender Thomas Krakow, die extra aus London angereiste Beatrice von Silva-Tarouca Larsen als Vertreterin der Wagner-Familie sowie Domdirektor Igor Odinzow. Begleitet wurde die Enthüllung mit einem Gedenkkonzert im Dom mit seiner fantastischen Akustik (er wird nur noch als Konzertkirche sowie als Museum genutzt) durch das Staatliche Symphonieorchester Kaliningrad unter dem Dirigat von Arkadij Feldmann sowie mit dem an der Leipziger Musikhochschule ausgebildeten Organisten Christopher Lichtenstein an der großen Schuke-Orgel. Natürlich gab es Wagner-Musik – mit bekannten Themen u. a. aus „Lohengrin“, den „Meistersingern“, „Walküre“ und „Tannhäuser“. 500 Konzertgäste waren begeistert, und dieser Abend wurde von den gastgebenden Russen als gesellschaftliches Ereignis der Stadt zelebriert.


Vieles wurde zerstört
Dem Ganzen voraus ging ein mühevolles Ringen um Art, Ablauf und Details des Besuches der Leipziger Delegation in Kaliningrad. Verbandsvorsitzender Thomas Krakow: „Dass es am Ende klappte, haben wir dem russischen Generalkonsulat in Leipzig und dem deutschen in Kaliningrad zu verdanken.“ Ideelle Wegbereiterin war ohne Zweifel auch die „Kulturbrücke Kaliningrad“ des MDR, der im Januar 2010 im ehemaligen Königsberg eine ganze Programmwoche gewidmet wurde und in der das MDR Sinfonieorchester aufgetreten war. Damit läuteten die Beteiligten gewissermaßen auch eine Spurensuche in der russischen Exklave ein. [...]

 

Titelthema: Lohn der Arbeit

altWas ist uns Arbeit wert? - Verschiedene Beschäftigungsverhältnisse in der Arbeitswelt

Bundesregierung, Wirtschaftsverbände oder die Bundeszentrale für Arbeit kriegen sich gar nicht mehr ein: Die Wirtschaft boomt wieder und mit ihr kommen viele neue Arbeitsplätze. Sogar vom „Jobwunder“ ist da die Rede. Deutschland im Aufstieg nach dem Jammertal der letzten Jahre. Wovon wohl auch Sachsen profitiert. So sieht es jedenfalls die hiesige Regionaldirektion (Sitz: Chemnitz) der Bundesagentur für Arbeit und konstatierte, dass im Freistaat die Nachfrage nach Arbeitskräften anhaltend hoch sei. Im Juni seien über 219 200 Menschen ohne Arbeit gewesen, gut 8 600 weniger als im Monat zuvor. Und die Arbeitslosenquote ginge innerhalb eines Monats von 10,7 auf 10,3 Prozent zurück. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres habe die Quote noch bei 11,5 Prozent gelegen.


Anerkennung und Bestätigung
Doch da stellen sich viele Fragen: Um welchen Preis geschieht dieser Aufschwung? Wie sehen denn diese vielen neuen Arbeitsplätze aus? Ist der neue Arbeitsplatz wirklich ein „richtiger“ Arbeitsplatz, um würdig zu sein, in die Statistik aufgenommen zu werden? Ist der klassische Arbeitsplatzbegriff mit seinem Acht-Stunden-Tag im Angestelltenverhältnis in der Zukunft überhaupt noch relevant? Gibt es Alternativen?


Wie heißt es so schön bei der FDP: „Arbeit muss sich wieder lohnen!“. Tönt es hinaus in deutschen Landen und stemmt sich im gleichen Atemzug vehement gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. Dies würde den Wettbewerb verhindern, komme einem staatlichen Diktat gleich und habe somit in der freien Wirtschaft nicht zu suchen. So die Begründung der Nein-Sager.


Was also ist uns Arbeit wert? Wir wollen uns dieser Frage nähern aus der Perspektive von jenen, die Arbeit vermitteln, die Arbeit annehmen, die Arbeit verteidigen und die Arbeit interpretieren und Prognosen wagen.


Hartz IV trotz Beschäftigung
Die große Ferien- und Urlaubszeit ist zu Ende, und der Arbeitsalltag hat uns wieder (sofern man denn Arbeit hat). Entweder stürzen wir uns mit Feuereifer wieder in die Arbeit, weil uns neue Aufgaben herausfordern, oder aber wir bangen jeden Tag um unsere Stelle. Unter Umständen müssen wir gefasst sein, dass es in den Wochen der Abwesenheit zu weitreichenden „Umstrukturierungen“ in der Firma gekommen ist. Bestenfalls können wir noch froh sein, den Job zu behalten, dafür aber „dürfen“ wir nun die Arbeit eines entlassenen Kollegen mit übernehmen – bei gleichzeitig geringerem Gehalt. Die Firmenleitung begründet diesen Schritt mit dem Ziel, nur noch so das Unternehmen rentabel führen zu können. [...]

 
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