Titelthema: Handwerk hat Zukunft
Ein Hut, ein Stenz, ein Geselle - „Tippelei“ - Leben und Lernen auf der Straße
Seit dem Mittelalter wandern Gesellen nach Abschluss ihrer Lehre, um bei verschiedenen Meistern ihrer Zunft zu arbeiten und somit nicht nur ihren fachlichen sondern auch weltlichen Horizont zu erweitern. Ursprünglich begaben sich Gesellen fast aller Handwerksberufe und insbesondere des Bauhandwerks auf Wanderschaft. Die Zünfte schickten die jungen Handwerker in andere Städte, um den Arbeitsmarkt vor Ort zu regulieren. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts besaß die Gesellenwanderung Kontinuität. In der NS-Zeit wurden die Gesellenvereinigungen, Schächte genannt, und die damit einhergehenden Bräuche verboten. Nach dem Krieg lebte die Wandertradition wieder auf. Jedoch wurde sie in der DDR aufgrund der Unkontrollierbarkeit bald wieder verboten.
Seit Mitte der 90er Jahre erfreut sich die Tradition der reisenden Handwerker steigender Beliebtheit. Heute wandern Gesellen aus über 20 verschiedenen Handwerksberufen weltweit. Zur Zeit sind etwa 500 Frauen und Männer zünftig unterwegs und bieten ihre Arbeit nicht nur im Baugewerbe sondern auch als Buchbinder, Goldschmied oder Schneider an. Mit der Wanderbewegung entwickelte sich eine eigene Kultur, reich an Zeremonien und Ritualen, die bis heute überdauert haben und zum großen Teil nur mündlich weitergeben werden.
Das Fernweh lockte Philip aus Berlin ist gelernter Zimmermann und seit über zwei Jahren als reisender Handwerker unterwegs. Bei der sehr bildhaften Schilderung seiner Reiseerlebnisse benutzt der 29-Jährige immer wieder Begriffe aus der traditionellen Sprache der Wandergesellen, dem Rotwelsch. Soziale Randgruppen und fahrendes Volk entwickelten vermutlich im 13. Jh. eine Art Geheimsprache, wobei viele Wörter jiddischen oder hebräischen Ursprungs sind. Bis heute sprechen die Gesellen bei der Arbeitssuche auf traditionelle Weise und unter Ausschluss Dritter vor. Anhand des Vorsprechrituals konnte sich der Arbeitssuchende früher als wahrer Geselle „ausweisen“. Der Entschluss auf Wanderschaft zu gehen, reifte bei Philip bereits während seiner Lehrzeit. Ihn beeindruckten das Wissen und die Erfahrung der Altreisenden, zudem lockte ihn das Fernweh: „Berlin ist nicht alles auf der Welt!“. Ehemals reisende Gesellen, welche nun „einheimisch“ sind, machten Philip mit den Bräuchen und Regeln der Wanderschaft vertraut. Er schloss sich der Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“ an und muss nun mindestens drei Jahre und einen Tag zünftig reisen. Als zünftig Reisende werden nur Wandergesellen bezeichnet, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie besitzen einen Gesellenbrief, sollten bei Beginn der Wanderschaft nicht älter als 30 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos, unverschuldet und nicht vorbestraft sein. Während der Wanderzeit darf Philip die Bannmeile von 50 km um seinen Heimatort Berlin nicht überschreiten. Die ersten 2 bis 3 Monate der Reisezeit gelten als „Vogtburschenzeit“, eine Art Probezeit. In dieser Phase begleitet ein Altreisender den Wandergesellen, bis dieser den Wunsch äußert, nun selbständig weiterzuziehen. [...]
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Das Loch im Zaun
Der wilde Fußballverein „Bastards United International FC“ Vor zwölf Jahren trafen sich einige Fußballverrückte zum ersten Mal auf einem versteckten Platz im Leipziger Süden, um ihrem Hobby nachzugehen. Doch der regelmäßige Fußballtreff ist für alle Beteiligten längst mehr als nur ein Freizeitvergnügen. Für viele ist der wilde Verein „Bastards United International FC“ inzwischen zur zweiten Familie geworden.
„Achim“ ist 51 und steht im Tor. Er muss mitansehen, wie „der Lange“, 13 Jahre jünger, den letzten Abwehrspieler stehen lässt, schnell tankt er sich durch und hat freie Schussbahn. „Der Lange“ nimmt Maß, holt aus, doch im letzten Moment verspringt der Ball in einem der zahllosen kleineren Löcher im aufgewühlten Boden. Der so unberechenbar gewordene Schuss schlägt unhaltbar im Tor ein. Das Gehäuse zittert und, hätte „Achim“ nicht mit eigenen Händen vor einiger Zeit das Metalltor mit Schienen geflickt, sicher wäre es krachend zusammengebrochen. „Der Lange“ ballt die Faust und klatscht bei seinen Mannschaftskollegen ab, sein Ausgleichstreffer wird später gewissenhaft notiert und ausgewertet, genauso wie der Rest des Spielgeschehens.
Was sich zunächst anhört wie normaler Vereinsalltag, ist auf den zweiten Blick eben doch nicht so gewöhnlich. Denn die Bastards United sind ein wilder Verein, der nur inoffiziell besteht. Die Mannschaft ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Arbeitsuchenden, Studenten, Schülern, Immigranten und Leuten, die einfach zufällig vorbeikamen. Schon immer war die Fluktuation der Spieler dabei hoch. Einige, die heute auf dem Platz stehen, machen zum ersten Mal mit, andere, wie „der Lange“, sind von Beginn an dabei. Das heißt seit zwölf Jahren. Auch das Alter spielt hier keine große Rolle, jeder der ein wenig mit dem Ball umgehen kann und will, wird bei den Bastards aufgenommen. Hier treffen die verschiedensten Generationen, Nationalitäten und sozialen Schichten aufeinander, um zusammen der schönsten Nebensache der Welt nachzugehen.
Vergessenes Fußballparadies Jeden Montag und Donnerstag trifft man sich auf dem versteckten Platz, mal zu viert, mal zu zwanzigst, je nachdem, wer gerade Zeit und Lust hat. Dabei spielt das Wetter keine Rolle. Selbst im kältesten Winter, bei Eis und Schnee, zwängen sich die Bastard durch das Loch im Zaun auf „ihren“ Platz. Genau der stellt die größte Besonderheit des wilden Vereins dar. Leipzig hat viele öffentliche Fußballplätze, doch die Heimspielstätte der Bastards gehört nicht dazu. Sie ist so inoffiziell wie der Verein selbst. Von der Straße aus nicht zu erkennen liegt der Platz geschützt von Bäumen und Dickicht hinter einem langen, soliden Metallzaun. [...]
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„…und ich rede sehr schlecht.“Zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs Friedrich II. Hier soll also nicht noch mal das Leben des preußischen Königs Friedrich II. aufgerollt werden, der am 24. Januar 1712 in Berlin geboren wurde, mit 28 Jahren den Thron bestieg und nach über 46jähriger Regentschaft zurückgezogen in Sanssouci starb. Vielmehr wollen wir an dieser Stelle Begebenheiten herausgreifen, die Friedrich II. und Leipzig in Verbindung bringen. Sie gab es mehrfach.
Bach auf die Probe gestellt Schon wenige Jahre nach Beginn von Friedrichs Regentschaft 1740 gab es mit einer Geistesgröße aus Leipzig eine denkwürdige Begebenheit – mit Johann Sebastian Bach. Sie kam unter Vermittlung von Bachs zweiältestem Sohn, Carl Philipp Emanuel, zustande. Der Sohn des Thomaskantors war schon längere Zeit am Hofe Friedrichs II. als Musiker angestellt und Anfang Mai 1747 konnte Vater Bach nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen endlich nach Potsdam reisen, um neben dem lang ersehnten Besuch der Familie seines Sohnes auch den König zu treffen. Friedrich war nicht nur „der erste Diener des Staates“, wie er von sich selbst forderte, sondern auch ein passabler Flötenspieler und Komponist. Doch zu Friedrichs unberechenbarem Wesen gehörte es, andere Leute herauszufordern und sie auf die Probe zu stellen. Bei Bach war es die Musik.
An jenem Maitag spielen sich der Monarch und der Kantor gegenseitig vor – der eine auf der Flöte, der andere am Cembalo. Friedrich bittet Bach, auf seinem „königlichen Thema“ eine Fuge zu improvisieren. Für den Kantor in der Tat ein schwieriges Unterfangen. Doch er gibt sich nicht geschlagen, improvisiert zunächst eine dreistimmige Fuge – sehr zur Überraschung des Monarchen, um sich dann, zurückgekehrt nach Leipzig, noch einmal an das Thema heranzumachen. Im Sommer 1747 kann er das Werk abschließen und widmet es Friedrich II. unter dem Namen „Musikalisches Opfer“ und schickt es nach Potsdam. Durchaus ein doppeldeutige Bezeichnung. Man kann es sowohl als Huldigung als auch als Anspielung auf Friedrichs Versuch werten, Bach besonders tückisch herauszufordern.
Mit Deutsch auf Kriegsfuß Es folgten weitere Berührungen mit Leipzig, jedoch aus Sicht der Messestadt dann aus weniger erfreulichem Anlass: Besetzung und Dranglasierung.
Bekanntlich hatte der Preußenkönig drei Kriege vom Zaun gebrochen, um das reiche Schlesien zu erobern und dann, um es zu halten. Sofort nach Ausbruch des 3. Schlesischen Krieges (Siebenjähriger Krieg) wird die Stadt am 29. August 1756 von den Preußen besetzt. Denn Sachsen gehört wiederholt zum Aufmarschgebiet der Preußen gegen die Österreicher. Ein Jahr später hält Friedrich II. in Leipzig Einzug und logiert im Apelschen Haus am Markt. Der Monarch ist bekannt für seine Geringschätzung deutscher Sprache und Literatur. Französisch ist sein Maßstab. Zu dieser Zeit ist der unermüdliche Sprach- und Theaterreformer Johann Christoph Gottsched Rektor der Leipziger Universität. Seine Abhandlungen über die „Deutsche Sprachkunst“ hatten gerade für große Anerkennung gesorgt. Natürlich wusste auch Friedrich davon und amüsiert nennt er Gottsched einen „cygne saxon“, einen „sächsischen Schwan“, der „die Herbheit der Töne einer barbarischen Sprache mildern werde.“ In seinem Leipziger Quartier lässt der Monarch also den Gelehrten zu sich kommen und sich einige Übersetzungen Gottscheds aus dem Französischen vorlesen. Dabei vergleicht er sie mit dem Original. Über sein Treffen mit dem König 1757 und dessen Reaktion schreibt Gottsched an einen Freund in Königsberg: „Ob er nun gleich viele deutsche Worte nicht verstund, so kritisierte er doch andere sehr gründlich und lobte wieder viele Stellen, die ich besser ausgedrückt hätte, als er sich jemals möglich zu sein eingebildet hätte. Als ich sagte, daß die deutschen Dichter nicht genug Aufmunterung hätten, weil der Adel und die Höfe zu viel Französisch und zu wenig Deutsch verstünden, um alles Deutsche recht zu schätzen, sagte er: ,Das ist wahr, denn ich habe von Jugend auf kein deutsches Buch gelesen und ich rede sehr schlecht, … jetzo bin ich aber ein alter Kerl von 46 Jahren und habe keine Zeit mehr dazu.“ [...]
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Titelthema: Leipzig lebt Kultur
Die ganze Stadt ist Bühne - Auch fernab der großen Häuser jede Menge Theater
Leipzigs Westen ist fraglos das in Theater-Sachen dichteste Quartier der Stadt. Das städtische Theater der Jungen Welt und das LOFFT – eine freie Produktionsstätte für Theater und Tanz – sind im Theaterhaus am Lindenauer Markt lange eingesessen. Ganz in der Nähe residiert die Musikalische Komödie, die zur Oper gehört. Einige Fußminuten entfernt steht die Schaubühne Lindenfels, die wieder verstärkt ihr Profil als Theaterort schärft. Im Nebenhaus hat sich vor sechs Jahren mit dem Lindenfels Westflügel eine internationale Produktionsstätte für Figurentheater etabliert. Und im Westwerk lockt in den wärmeren Monaten die Sommertheaterbühne des TheaterPack mit dramatischer Kunst. Seit einem Jahr nun gibt es in der Lützner Straße 29 mit dem Neuen Schauspiel Leipzig einen weiteren Theaterort.
Als die Öffentlichkeit den Namen im Frühjahr 2010 zum ersten Mal vernahm, wurde so manches dahinter vermutet. Ist das ein Angriff auf die Intendanz von Sebastian Hartmann? Sein Centraltheater hatte schon damals nicht immer gute Presse und zu dieser Zeit kochte auch der Streit mit dem inzwischen in seinem Machtbereicht beschnittenen Kulturbürgermeister Michael Faber hoch. Wollte sich das neue Haus in Lindenau bewusst zum Stadttheater abgrenzen? Auf die Gerüchte angesprochen, müssen Claudia Rath und Markus Czygan, zwei der vier Initiatoren, lachen. Mit Leipzig hatten die aus Würzburg Zugezogenen ursprünglich wenig am Hut. „Ja, es ist viel spekuliert worden. Dabei war es gar nicht unsere Absicht, die Gerüchteküche mit dem Namen zu bedienen“, erklärt Rath schmunzelnd. „Er war eigentlich eine Schnapsidee und dann ist es bei ihm geblieben.“
Potenzial liegt an der Pleiße Dass die Aufmerksamkeitsspirale durch die Munkeleien nach oben gedreht wurde, stört sie natürlich nicht. Ganz im Gegenteil, schließlich wissen sie, dass das Theatermachen kein Zuckerschlecken ist. Denn die Gründung des Neuen Schauspiels ist keine fixe Idee. Die beiden waren lange in der Würzburger freien Theaterszene involviert. In der fränkischen Stadt habe sich die Szene aber totgetreten und sie im urbanen Geflecht an der Pleiße Potenzial gesehen. Die Verbindung von Live-Musik und Theater soll zur Handschrift werden, mit der das Neue Schauspiel sich von den anderen Orten abhebt. In der recht kurzen Zeit hat es sich bereits als Bühnenstatt soweit etabliert, dass einige freie Gruppen ihn bereits als Aufführungsort benutzen.
Und freie Gruppen gibt es nicht wenige in der Stadt. Darunter befinden sich etwa mit der Theaterschaft und Heike Hennig & Co., der Tanzcompanie mintrotundschwarz und dem Leipziger Tanztheater professionelle Theatermacher, die sich die Realisierung sowie Finanzierung jeder neuen Produktion hartnäckig erstreiten müssen. Sie tragen maßgeblich zur ästhetischen Vielfalt und Qualität der dramatischen Landschaft an der Pleiße bei. Als Produktions- und Aufführungsorte nutzen sie zum Beispiel das LOFFT und die Schaubühne Lindenfels, sind aber permanent auf der Suche nach weiteren Frei-Räumen, denn die hiesigen Bühnen sind knapp. [...]
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Das Jahres-ABC
Rückblicke und Ausblicke mit Augenzwinkern A wie Abholzung – Im Frühjahr ging‘s an Leipzigs Deichen ordentlich zur Sache. Mit Kettensäge und Rundumschlag-Eifer. Weil Bäume auf Deichen nichts zu suchen haben, wie die Landestalsperrenverwaltung meint. Rasierte Deiche sollen den Auwald vor Wasser (!) schützen. Man sollte unseren Auwald vor jemand anderem schützen.
B wie Brühl – Leipzigs größte Innenstadtbaustelle wurde in Angriff genommen. Ein Biotop statt Einkaufsmeile wäre ja auch nicht schlecht gewesen. Aber den gibt’s immerhin noch auf dem Burgplatz und wie es aussieht, bleibt er uns noch lange erhalten in seiner schönen Unvollkommenheit.
C wie China – Haben doch die Kommunisten da in Peking den Amerikanern ins Stammbuch geschrieben, wie man erfolgreich Kapitalismus praktiziert. Und Amerikaner protestieren in der Wallstreet gegen das Finanzkapital. Wenn das Karl Marx wüsste…
D wie Doktorarbeit – Was dieser zu Guttenberg kann, bekomme ich auch hin, dachte sich Jugendamtsleiter Siegfried Haller und schrieb ab. Muss ja auch nicht sein, für eine Dissertation so viel Zeit zu verschwenden. Hauptsache man hat den Titel. Nur: Karl-Theodor ist inzwischen in den Staaten und Siegfried immer noch in Leipzig.
E wie Energiewende – Raus aus den Atomen, dafür die Windhose angezogen oder die Sonnenbrille aufgesetzt. Oder ist es am Ende doch wieder die olle Kohle, mit der gleiches gemacht werden soll? Mensch, dann hätten wir doch unseren Cossi und andere Tagebaulöcher erst gar nicht fluten brauchen!
F wie Frauenfußball – Ein zweites Sommermärchen sollte es werden, so richtig mit Prinz und Gefolge, verwirklicht von unseren Mädels im weiß-schwarzen Dress im eigenen Land. Frau hat sich bemüht. Doch aus dem Märchen wurde nur eine Kurzgeschichte.
G wie Griechenland – Mit Griechenland begann Europa, mit Griechenland… na, wir wollen mal nicht zu schwarz sehen. Schließlich gibt es ja noch die gute, alte Drachme, die man wieder einführen kann zum Wohle der anderen Euro-Länder. Darauf einen Ouzo, Hellas!
H wie Heidi – Ein Kondolenzbuch für eine schielende Beutelratte. Auf so einen Marketing-Coup muss man erstmal kommen. Der Leipziger Zoo hat‘s gemacht. Und es gab viele Trauernde, die sich doch tatsächlich in dem Buch verewigt und so manche Träne für das dahingegangene Opossum weggedrückt haben. Ach, Heidi, würdest du noch leben, dann: Heidi for president! [...]
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Für einen NeubeginnDie Leipziger Wohngruppe für Mädchen begleitet und hilft Inzwischen ist sie vorangekommen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Dass sie selbst dafür vor allem Verantwortung trägt, hat die nun 17-Jährige Schritt für Schritt gelernt. Und schwer für sie war alles genug. Als der neue Freund der Mutter in die Wohnung zog, der Streit immer mehr eskalierte und oft mit Schlägen endete, war es für Stefanie einfach zu viel. Mit 14 Jahren haute sie von zu Hause ab.
So oder ähnlich haben es M. Kreutzmann, Sozialpädagogin, und ihre Kolleginnen in der Mädchenwohngruppe mehrmals erlebt. Träger dieser Einrichtung in der Leipziger Schachtstraße ist der Internationale Bund. Ist ein Mädchen in Not, findet es hier rund um die Uhr Aufnahme und Beratung. Die Dienst habende Sozialarbeiterin muss dann zunächst entscheiden, ob eine Inobhutnahme der Jugendlichen nach § 42 des Jugendschutzgesetzes angezeigt ist. Das geht nicht ohne das Einverständnis der Eltern. Dann ist es Sache des Jugendamtes, weitere Schritte einzuleiten. Lässt sich das Problem mit den Eltern klären? Ist eine ambulante Hilfe angezeigt? Oder empfiehlt sich eine Unterbringung in der WG, wenn eine schnelle und für alle Beteiligten zumutbare Lösung nicht absehbar ist?
Acht Mitarbeiterinnen und eine Praktikantin – Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen – sorgen sich in der Wohngruppe um 12- bis 18-jährige Mädchen, deren Leben aus dem Gleis geraten ist. Sechs Plätze stehen in dieser Einrichtung für ein betreutes Wohnen zur Verfügung. Nur in Ausnahmefällen sind die Bewohnerinnen älter als 18. So fand vor einiger Zeit eine junge Mutter mit ihrem Baby hier in der WG Aufnahme und umfassende Betreuung. Das Jugendamt vergibt die Plätze in eine in dieser speziellen Problematik tätigen Einrichtungen für junge Mädchen. Sind die ersten Tage in der Wohngruppe mit ihren Regeln für manche durchaus erst einmal gewöhnungsbedürftig, lässt sich generell sagen: Wird die vielseitige Hilfe der Betreuerinnen erst einmal angenommen, beginnt für die Mädchen ein neuer Lebensabschnitt. Stefanie aus der WG zum Beispiel erlebt zurzeit ihre letzten Tage in Die Leipziger Wohngruppe für Mädchen begleitet und hilft leben der Gemeinschaft. Sie hat ein eigenes Zimmer im Haus bezogen, zu dem eine kleine Küche gehört. Stefanie „trainiert“ das Leben in eigener Verantwortung. Sie steht kurz vor ihrem Ausbildungsabschluss, wird Geld verdienen und sich eine kleine Wohnung mieten können. Sie ist auf dem richtigen Weg. Diese Entwicklung ihrer „Zöglinge“ ist das Ziel und auch der Wunsch von M. Kreutzmann und ihren engagierten Kolleginnen. Wenn es irgendwie geht, werden die Eltern auf diesem Weg mitgenommen. Erfreulicherweise verbessern sich oft im Laufe der Zeit die Eltern-Kind-Beziehungen langsam, nicht immer von allein, sondern unter behutsamer Führung Dritter. Durchaus nicht immer laufen die Dinge jedoch so komplikationslos. Den ursprünglichen und in vielen Städten noch gebräuchlichen Begriff „Mädchenzuflucht“ hat die Leipziger WG längst abgelegt. „Er greift einfach zu kurz und meint nicht das, was wir als unseren Schwerpunkt sehen,“ meint M. Kreutzmann dazu. [...]
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Titelthema: Ein langes Wohnen
So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben
Ein Traum unterm Dach: Wenn Susanne H. aus dem Panoramafenster schaut, kann sie abends bei schönem Wetter den Sonnenuntergang über der Rosentalwiese erleben. Blickt sie nach rechts, erkennt sie das Dachgewölbe von Leipzigs neuester Attraktion, dem Gondwanaland sowie den Turm der Kongresshalle. Und wenn sie auf die Dachterrasse des Erkers tritt und sich nach Süden wendet, hat sie die City mit ihren Kirchen zum Greifen nahe.
Bei ihrer Suche nach einer neuen Wohnung konnte Susanne H. aus dem Vollen schöpfen und sich Zeit nehmen, bis sie vor wenigen Wochen die für sie optimalste Variante fand. Nähe zu ruhigem, grünen Ort und doch inmitten der Großstadt. Topsaniert, mit Fahrstuhl. Und den Wolken ein Stück näher. Und alles für 450 Euro warm. Hier gibt es alles, was schönes Wohnen ausmacht und alles für den, der das städtische Leben bevorzugt. In Leipzig kann man das. Nie scheint Wohnen in der Messestadt günstiger und attraktiver zu sein als derzeit. Jedenfalls meinen das die meisten Leipziger, und ein im vorigen Jahr vorgestelltes Gallup-Umfrageergebnis im Auftrag der EU-Kommission bestätigte diesen Eindruck: 72 Prozent der Befragten gaben an, dass es in ihrer Stadt einfach sei, guten Wohnraum zu einem vernünftigen Preis zu finden. Damit hat Leipzig das beste Wohnungsangebot in Europa (die Umfrage wurde in 75 Städten aller EU-Staaten sowie in der Türkei durchgeführt). Wer hätte das gedacht, dass ausgerechnet eine Stadt, die als „Armutshauptstadt Sachsens“ bezeichnet wird, in Sachen Wohnen den anderen Konkurrentinnen den Rang abläuft – noch dazu in internationalem Rahmen? Die Spanne ist breit und für jeden Geldbeutel ist etwas zu haben: von 3,90 Euro in einfachen Lagen bis 9,40 Euro pro Quadratmeter im sanierten Altbau. Es gibt immer weniger leerstehende Wohnungen und trotzdem bleiben die Mieten relativ stabil. Noch. Das ist Leipzigs Schokoladenseite. Und Wohnen wird auch attraktiver, wenn man weniger Gebühren entrichten muss. Für Leipzig heißt das: Die Kommunalen Wasserwerke (KWL) senken ihre Gebühren für Wasser/Abwasser. Ab Januar 2012 werden rund 75 000 Kunden (96 Prozent aller Kunden der KWL) um rund 8 Millionen Euro pro Jahr entlastet. Was also die Gebäudeeigentümer entlastet, ist am Ende auch von Vorteil für die Mieter, weil die Ersparnis weitergereicht wird. Rein rechnerisch gesehen zahlt dann ein Verbraucher in einem Gründerzeit-Mehrfamilienhaus 131 Euro im Jahr statt bisher 144 Euro – sinkende Gebühren als ein Indikator für Wohnqualität.
Demographischer Wandel So weit, so gut. Nicht zuletzt die Zuwanderung begründet die wachsende Auslastung bei Wohnraum. Was ebenso wächst: die Zahl der Älteren, die der Singles, die der Alleingebliebenen. Heutzutage leben in jedem zweiten Leipziger Haushalt Singles. Bei den älteren Bewohnern: Die Zahl der über 80-Jährigen in der Stadt liegt derzeit bei rund 29 000. Bis 2025 wird sie auf fast 50 000 steigen. Der demographische Wandel hat längst eingesetzt. Für die kommunalen, genossenschaftlichen und privaten Wohnungsanbieter bzw. Vermieter heißt das, diesem Wandel Rechnung zu tragen. [...]
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Die Kinder von Don QuijoteBundesweites Filmfestival „ueber Mut“ mit ungewöhnlichem Beitrag Im Rahmen des Filmfestivals „ueber Mut“ brachte die Aktion Mensch den Film „Les Enfants de Don Quichotte“ in die deutschen Kinos. Das Werk ist die Dokumentation einer Protestaktion in Paris, welche auf die elenden Zustände von Obdachlosen aufmerksam machen wollte.
Die Brüder Legrand, Pascal Oumakhlouf und Ronan Dénécé haben im Winter 2006 diese Aktion gestartet, am Ufer des Kanals Saint-Martin in Paris errichteten sie ein Zeltlager für Obdachlose und Sympathisanten. Beidseitig der Seine waren über 100 Zelte aufgestellt, deren Bilder um die Welt gingen. Normalerweise sind diese Ufer der Seine ein Anziehungspunkt für Touristen, die dort auf der Suche nach der verlorenen Romantik dem Bild der Stadt der Liebe nachspüren. Unvorbereitete Spaziergänger und Flaneure werden nicht übel gestaunt haben, wenn sie statt der erhofften Romantik jene roten Zelte mit lagernden Obdachlosen vorgefunden haben.
Störfaktor im Wahlkampf Der Zeitpunkt der Aktion war gut gewählt, denn in Frankreich war gerade Wahlkampf, und eine solche Aufmerksamkeit hat die Themen entscheidend beeinflusst. Man fühlte sich gestört, darum hat man der Organisation vorgeworfen, sie würden die Obdachlosen für ihr politisches Engagement instrumentalisieren. Den Machern der Aktion war klar, dass sie nur dann etwas erreichen, wenn es ihnen gelingt, die Aufmerksamkeit der Massen nachhaltig zu gewinnen, denn unsere Zeit braucht dieses Spektakel, es rührt unser statistisches Gewissen, das Gefühl an etwas Bedeutendem Teil zu haben. Lange schon genügt es nicht mehr, durch eine Demonstration Aufmerksamkeit zu erregen, das Weltgeschehen an dem wir, auch dank der Medien teilhaben, bringt so viel Höhepunkte zu Tage, die unsere Anteilnahme schon vielfach aufbraucht, und eine Gruppe Spaziergänger mit Transparenten erntet oft genug nur ein Achselzucken. Die Geschehnisse trafen die Öffentlichkeit unvorbereitet. Da die Aktion an Sympathie gewann, war es nicht mehr möglich, das Vorhaben mit der Ordnungsmacht zu untersagen, wie das bei der ersten Aktion am Place de la Concorde geschehen war. Dort, am ursprünglich geplanten Zeltlager, waren die Einsatztruppen der Polizei, noch ehe die Zelte aufgestellt waren, zur Stelle und hatten die Protestierenden kurzerhand weggedrängt.
Am Kanal Saint-Matin war die Presse den Ordnungshütern zuvorgekommen und die Öffentlichkeit war informiert. Den politischen Würdenträgern blieb nichts anderes mehr übrig, als die Wohnproblematik der Obdachlosen im Wahlkampf zu thematisieren, da sie sonst von der aufmerksam gewordenen Bevölkerung hätten abgestraft werden können. So kam es zu immer eindeutigeren Zusagen von Seiten der Politiker. In der Neujahrsansprache des damaligen Präsidenten Jacques Chirac wurde eine Lösung zugesichert. Und im Februar ein einklagbares Recht auf Wohnraum verabschiedet. Das Zeltlager wurde aber nicht aufgehoben, da sich die Macher hintergangen fühlten, denn Anordnungen und Versprechen wurden nur zögerlich umgesetzt. [...]
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Spurensuche in KönigsbergUnterwegs mit dem Richard-Wagner-Verband Leipzig Der für sich schon sehenswerte Dom von Königsberg (Kaliningrad) ist seit Mitte September um eine Attraktion reicher. Sie ist etwa 100 mal 80 Zentimeter groß, aus Bronze und hängt im Westchor des imposanten Gebäudes. Die Tafel zeigt ein Relief Richard Wagners mit der Inschrift in Deutsch und Russisch: „1836 –1837 lebte und wirkte in Königsberg der grosse deutsche Komponist Richard Wagner“.
Was ein echter Wagnerianer ist, der weiß, dass der gebürtige Leipziger und notorische Schuldner nicht allein zum Komponieren in die ostpreußische Metropole kam, sondern wieder einmal auf der Suche bzw. auf der Flucht war. Entweder saßen ihm die Gläubiger im Nacken oder er hoffte, eine lukrative Anstellung zu finden. An seiner Seite in diesen rastlosen Jahren: die vier Jahre ältere, attraktive Schauspielerin Minna Planer, geboren im sächsischen Oederan. Wagner hatte sie 1834 in Magdeburg kennengelernt. Königsberg schien insofern ein erster kleiner Lichtpunkt im bisherigen Leben des Paares zu sein, als dass Minna Planer hier an den Ufern der Pregel eine Anstellung am Theater fand und Wagner ihr über Berlin kommend nachreiste, nachdem die Uraufführung seiner Oper „Das Liebesverbot“ in Magdeburg im Chaos geendet und die Direktion die Künstler nicht bezahlt hatte. Am 24. November 1836 heirateten Minna und Richard in der Tragheimer Kirche, die im Königsberger Stadtteil Roßgarten stand.
Abend begeisterte 500 Gäste Die Trauung liegt also 175 Jahre zurück, und dieses Jubiläum nahm sich der Richard-Wagner-Verband Leipzig e.V. zum Anlass, sowohl mit Verbandsmitgliedern als auch Interessenten nach Kaliningrad zu reisen, dort für mehrere Tage den Spuren des Komponisten zu folgen und an seinen und Minnas Aufenthalt zu erinnern. Dazu gehörte die Enthüllung der vom Verband gestifteten Gedenktafel im wiederaufgebauten Dom. Den Akt vollzogen Verbandsvorsitzender Thomas Krakow, die extra aus London angereiste Beatrice von Silva-Tarouca Larsen als Vertreterin der Wagner-Familie sowie Domdirektor Igor Odinzow. Begleitet wurde die Enthüllung mit einem Gedenkkonzert im Dom mit seiner fantastischen Akustik (er wird nur noch als Konzertkirche sowie als Museum genutzt) durch das Staatliche Symphonieorchester Kaliningrad unter dem Dirigat von Arkadij Feldmann sowie mit dem an der Leipziger Musikhochschule ausgebildeten Organisten Christopher Lichtenstein an der großen Schuke-Orgel. Natürlich gab es Wagner-Musik – mit bekannten Themen u. a. aus „Lohengrin“, den „Meistersingern“, „Walküre“ und „Tannhäuser“. 500 Konzertgäste waren begeistert, und dieser Abend wurde von den gastgebenden Russen als gesellschaftliches Ereignis der Stadt zelebriert.
Vieles wurde zerstört Dem Ganzen voraus ging ein mühevolles Ringen um Art, Ablauf und Details des Besuches der Leipziger Delegation in Kaliningrad. Verbandsvorsitzender Thomas Krakow: „Dass es am Ende klappte, haben wir dem russischen Generalkonsulat in Leipzig und dem deutschen in Kaliningrad zu verdanken.“ Ideelle Wegbereiterin war ohne Zweifel auch die „Kulturbrücke Kaliningrad“ des MDR, der im Januar 2010 im ehemaligen Königsberg eine ganze Programmwoche gewidmet wurde und in der das MDR Sinfonieorchester aufgetreten war. Damit läuteten die Beteiligten gewissermaßen auch eine Spurensuche in der russischen Exklave ein. [...]
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Titelthema: Lohn der Arbeit
Was ist uns Arbeit wert? - Verschiedene Beschäftigungsverhältnisse in der Arbeitswelt
Bundesregierung, Wirtschaftsverbände oder die Bundeszentrale für Arbeit kriegen sich gar nicht mehr ein: Die Wirtschaft boomt wieder und mit ihr kommen viele neue Arbeitsplätze. Sogar vom „Jobwunder“ ist da die Rede. Deutschland im Aufstieg nach dem Jammertal der letzten Jahre. Wovon wohl auch Sachsen profitiert. So sieht es jedenfalls die hiesige Regionaldirektion (Sitz: Chemnitz) der Bundesagentur für Arbeit und konstatierte, dass im Freistaat die Nachfrage nach Arbeitskräften anhaltend hoch sei. Im Juni seien über 219 200 Menschen ohne Arbeit gewesen, gut 8 600 weniger als im Monat zuvor. Und die Arbeitslosenquote ginge innerhalb eines Monats von 10,7 auf 10,3 Prozent zurück. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres habe die Quote noch bei 11,5 Prozent gelegen.
Anerkennung und Bestätigung Doch da stellen sich viele Fragen: Um welchen Preis geschieht dieser Aufschwung? Wie sehen denn diese vielen neuen Arbeitsplätze aus? Ist der neue Arbeitsplatz wirklich ein „richtiger“ Arbeitsplatz, um würdig zu sein, in die Statistik aufgenommen zu werden? Ist der klassische Arbeitsplatzbegriff mit seinem Acht-Stunden-Tag im Angestelltenverhältnis in der Zukunft überhaupt noch relevant? Gibt es Alternativen?
Wie heißt es so schön bei der FDP: „Arbeit muss sich wieder lohnen!“. Tönt es hinaus in deutschen Landen und stemmt sich im gleichen Atemzug vehement gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. Dies würde den Wettbewerb verhindern, komme einem staatlichen Diktat gleich und habe somit in der freien Wirtschaft nicht zu suchen. So die Begründung der Nein-Sager.
Was also ist uns Arbeit wert? Wir wollen uns dieser Frage nähern aus der Perspektive von jenen, die Arbeit vermitteln, die Arbeit annehmen, die Arbeit verteidigen und die Arbeit interpretieren und Prognosen wagen.
Hartz IV trotz Beschäftigung Die große Ferien- und Urlaubszeit ist zu Ende, und der Arbeitsalltag hat uns wieder (sofern man denn Arbeit hat). Entweder stürzen wir uns mit Feuereifer wieder in die Arbeit, weil uns neue Aufgaben herausfordern, oder aber wir bangen jeden Tag um unsere Stelle. Unter Umständen müssen wir gefasst sein, dass es in den Wochen der Abwesenheit zu weitreichenden „Umstrukturierungen“ in der Firma gekommen ist. Bestenfalls können wir noch froh sein, den Job zu behalten, dafür aber „dürfen“ wir nun die Arbeit eines entlassenen Kollegen mit übernehmen – bei gleichzeitig geringerem Gehalt. Die Firmenleitung begründet diesen Schritt mit dem Ziel, nur noch so das Unternehmen rentabel führen zu können. [...]
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