Seltenes Handwerk (2)
Die Hutmacherin von der Königshauspassage
Dieser prächtige Sommerhut aus Stroh hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Jetzt ist die geflochtene, breite Krempe ausgefranst, das schwarzer Band ausgeleiert und verblichen – na, und der Innenteil ganz schön speckig geworden. Der Träger des Hutes legt Wert darauf, dieses stolze Stück wieder als Duplikat zu erhalten. Denn so eines in dieser Form gäbe es kaum ein zweites Mal. Behauptet der Kunde. Für Modistin Solveig Rosenowski ist das kein Problem: „Das kriegen wir hin, Sie können in zwei Wochen wiederkommen und sich einen neuen Hut abholen.“
Schon in dritter Generation
Wenn Solveig Rosenowski von „wir“ spricht, dann meint sie eigentlich nur sich selbst. Ihr kleines Geschäft in der Königshauspassage mit ihren vielen Boutiquen, Salons und dem beliebten Kinderbuchladen gegenüber ist ein Ein-Frau-Betrieb. Und dies inzwischen in dritter Generation. Heute ist die Inhaberin eine der beiden Hutmacherinnen, die es noch in Leipzig gibt. Begonnen hatte es 1958 mit Oma Bräuer – daher auch der noch gültige Firmenname. Da saß Bräuer-Hüte noch im Jägerhof zwischen Hainstraße und Große Fleischergasse. Das war bis zur Wende, bis ein gewisser Dr. Jürgen Schneider auch diese Edel-Immobilie seinem Imperium einverleibte und für die Mieter nichts mehr war wie vorher. Für den Handwerksbetrieb folgte ein Intermezzo in Großzschocher und 2008 folgte die Rückkehr in die Innenstadt. Was nicht der einzige Wandel bis dahin gewesen ist.
„1992 hab’ ich mit schon 22 Jahren meinen Meister als Modistin machen können, und zwar in Dresden“, berichtet Solveig Rosenowski. Warum sie den Ort so betont: „Weil ich Glück hatte, dass gerade zwei Meisterlehrgänge eben nicht allzu weit weg von Leipzig angeboten wurden. Ansonsten müsste ich wie viele andere in die alten Bundesländer ausweichen. Das blieb mir erspart.“ Auf dem Meisterbrief steht sie noch unter ihrem Mädchennamen Cordes, die Familie ihres Vaters stammte aus dem Rheinland. Und 2003 schließlich übernahm sie den Betrieb von ihrer Mutter. „Ich bin ein echtes Werkstattkind“, bekennt die aufgeschlossene Modistin. „Schon von klein auf hab‘ ich der Oma neugierig zugeschaut, wie sie mit Filz und Stroh hantierte. Da musste mich keiner drängeln, um die Familientradition fortzusetzen. Muss wohl in den Genen liegen.“ Und lacht.
Mit Dampf und Nässe
Hinter ihr im hohen Wandregal reihen und stapeln sich Hutformen, oder - wie man in der Branche auch sagt – Holzköpfe aller Größen. Sie stammen von der Leipziger Firma Herrmann, die einzige Formenbauerin weit und breit ihrer Art. Es ist ein wertvoller Fundus, den die Modistin da angesammelt hat, denn die hölzernen Formen sind äußerst teuer in der Anschaffung. Die Formen sind Modell und Arbeitsunterlage zugleich. Solveig Rosenowski greift sich eine formlose Kappe aus Filz, hält sie über einen Dampftopf und spannt den nun formbaren Rohling mit beiden Händen über den Holzkopf. Nach und nach bildet sich die Fasson heraus. Später wird das Stück mit Hutsteife weingepinselt und gestärkt – es wird appretiert, damit der Hut seine Form behält. „Denn wenn der Filz nass wird“, so die Hutmacherin; „will er wieder in seinen Ursprungszustand zurück.“ Und welche Trägerin will das schon? Ganz anders hingegen bei Strohhüten. Hier muss das Ausgangsmaterial nass sein, um es weiterverarbeiten zu können. Etwa zwei Stunden braucht die Meisterin für einen Filzhut. [...]
