Tragödien mit Spezialeffekten
Theater Titanick kreiert Gesamtkunstwerke
„Titanick ist ein Kind des Mauerfalls. Geboren aus der Euphorie der Freiheit, aus dem mächtigen Verlangen nach der Begegnung Mensch zu Mensch“. Mit diesen Worten ist in der Jubiläumsschrift die Geburtsstunde des Theaters Titanick vor 22 Jahren beschrieben. Theatermacher und -liebhaber aus beiden Teilen der wiedervereinigten Republik schlossen sich 1990 zusammen, um Theater wieder in den öffentlichen Raum zu bringen und um Geschichten in imposanten Bildern auf ungewöhnlichen Bühnen zu erzählen. So erlebten tausende Zuschauer in 14 Großproduktionen Feuerblitze, sprühende Raketen und Stahlklänge, schwebende Planeten, skurrile Fluggebilde und stählerne Insekten, poetische Momente und schrägen Humor unter freiem Himmel.
Mit der Open-Air-Performance „Titanic“ beginnt die Zusammenarbeit zwischen Münster und Leipzig. Das Stück über die Euphorie des Aufbruchs und der unausweichlichen Katastrophe feiert 1990 nach nur sechsmonatiger Proben- und Experimentierphase Premiere. 1993 steht die endgültige Version des Untergangs fest und gewinnt 1995 den 1. Preis beim B.I.T.E.F.-Festival in Belgrad. Für die serbischen Zuschauer wird die Katastrophe des Luxusliners zur Metapher für ihre eigene Situation im Krieg: während die I. Klasse auf dem Oberdeck ignorant weiterfeiert, kämpft der Heizer im Maschinenraum bis zuletzt. Auch in den darauffolgenden Produktionen wagen sich die Titanicker an thematische Schwergewichte. Zum Beispiel entsteht 1996 mit „Troja“ ein Stück über die Absurdität und Sinnlosigkeit des Krieges. Auf einer mit 30 Tonnen Sand bedeckten Bühne kämpfen gepanzerte Fantasiefahrzeuge. Explosionen und Feuerwände schaffen eine bedrohliche Kriegskulisse. „Treibgut“ hingegen, ein Stück über das Element Wasser als Lebenselixier und Naturgewalt, stellte immense Herausforderungen an Schauspieler, Techniker und Kostümbildner. Das Drama findet im und auf dem Wasser statt. Schwimmende Inseln aus Alltagsrelikten wie der Camper oder der Hobbykeller gehen letztlich unter in die mythische Welt der Wassergötter. Für diese Produktion wird in Leipzig ein eigenes Probebecken aus 67 Meter Stahlblech, 750 Kilogramm Teichfolie und 420 000 Liter Wasser gebaut.
Management in Münster und kreative Arbeit in Leipzig – die Ost-West-Verbindung des Straßentheaters hat sich bis heute bewährt. Robert Schiller, Geschäftsführer und technischer Leiter in Leipzig, bezeichnet das Theater Titanick als Wir-Projekt. Denn die Ideen und Konzepte werden immer von mehreren Akteuren entwickelt. Je nach Auftraggeber, Spielort und Produktion wechseln die Mitglieder des Ensembles. So wirkten bei dem Stück „Pax“ über 200 Personen mit, darunter 90 Amateure, 35 Sänger und 20 Helfer, um den Westfälischen Frieden erlebbar zu machen. Das Straßentheater war bereits mit über 700 Aufführungen in 28 Ländern unterwegs. In Leipzig hingegen sind Aufführungen der Theatergruppe eher seltener. Das hat verschiedene Gründe. Bot der Osten Deutschlands den Theatermachern nach der Wende viel kreativen Freiraum aber auch große Flächen für spektakuläre Inszenierungen, wird der freie Platz zusehends knapper. Zum anderen ist die Tradition des Straßentheaters hier weniger verbreitet als in anderen Ländern. [...]
