„Geh mal arbeiten…“
Verkäufer der Straßenzeitung und ihre Geschichten
Der Hit Supermarkt befindet sich auf dem Gelände der Alten Messe, die Fahne mit dem Firmenlogo flattert im Wind. Es ist bewölkt, ein Krähenschwarm zieht über die Gebäude. Auf der anderen Straßenseite verkauft eine Feldküche Eintöpfe, daneben werden in einem kleinen Container asiatische Gerichte angeboten.
Tommy lehnt an einem Geländer; er ist groß und stämmig. Neben ihm steht sein Rucksack.
„Manchmal ist es meiner Tochter ein wenig peinlich“, sagt er, „sie geht aufs Gymnasium. Prinzipiell findet sie gut, dass ich das mache, allerdings kommen hin und wieder dumme Sprüche. Ich hab deinen Vater gesehen, was ist denn mit euch los, sagen sie.“
Er blickt zum Eingang hinüber. Eine ältere Frau schiebt ihren Einkaufswagen Richtung Parkplatz. Tommy hebt die Hand zum Gruß, die Frau lächelt freundlich zurück. Dann bleibt sie stehen und kommt auf ihn zu.
„Guten Morgen“, sagt sie und gibt ihm zwei Euro. Als er ihr eine Zeitung reichen will, schüttelt sie den Kopf.„Hab ich schon. Danke“, sagt sie.
Tommy trägt einen grünen Daunenmantel und eine Jeans. Auf seiner Nase sitzt eine modische Brille, seine Haare hat er mit Gel frisiert.
„Du musst Verkäufer sein“, sagt er. Und das ist Tommy. Er könnte genauso gut in einem Blumenladen stehen oder in einem Verkaufswagen auf dem Markt.
„Es ist überall das gleiche System. So wie es in den Wald reinschallt, so schallt es auch wieder raus. Wenn du das ordentlich machst, wirst du auch akzeptiert und teilweise sogar respektiert“, sagt er.
Zwischen Australien und USA
Tommy ist seit zehn Jahren arbeitslos, seitdem hat er immer wieder ABM-Jobs gemacht. Zuletzt hat er nachts eine Schrebergartensiedlung bewacht. Dann hat er einen Kippe-Verkäufer kennengelernt; ein paar Tage später verkaufte er seine erste Straßenzeitung. Das war vor drei Jahren. Manchmal ist der Job mühsam, vor allem im Winter, wenn es kalt ist und schneit. Aber es gibt auch Zeiten, da macht ihm der Job richtig Spaß. Es ist vor allem der Kontakt zu den Menschen. Im Sommer läuft er hin und wieder durch den Clara-Zetkin-Park, oder er steht am Cospudener See.
Ursprünglich kommt Tommy aus Mannheim. Bei der BASF hat er Chemielaborant gelernt. Danach hat er eine Umschulung zum Klempner gemacht. Er ist viel rumgekommen in seinem Leben. Vor allem in den fünfzehn Jahren, als er auf Montage war. In Europa war er so gut wie überall, und er war in Australien. In Brasilien hat er Wasseraufbereitungsanlagen mitgebaut. Und als er einmal in den USA war, hat er sich dort ein Monats-Flugticket gekauft. „Das war gar nicht teuer“ sagt er, „die anderen haben sich ein Auto gemietet.“ An den Wochenenden war er dann in San Francisco und New York. Die letzte Reise hat ihn nach Leipzig geführt, hier hat er seine Frau kennengelernt – das war 1991. Eine Zeit lang hat er bei einer Firma gearbeitet, die Plattenbauten sanierten. Dann fand er nichts mehr.
„Was ich schon lange suche, ist ein Hausmeisterjob“, sagt er, „das wär ideal.“ [...]
