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„Ich muss dazu stehen“

„Ich muss dazu stehen“

Die vielen Schicksalsschläge des Norbert Beule

altDas Mobiliar in dieser Einraumwohnung im vierten Stock des Plattenbaus verrät Improvisationsgeschick und den Verzicht auf Äußerlichkeiten. Schränke, Tische, Stühle und Regal sind zusammengetragen, einiges ist vom Sperrmüll ergattert oder durch Spenden gewonnen. Schlichtes Ambiente auf knapp 30 Quadratmetern. Blickfang an zwei Stellen: Ein kleiner Altar auf dem Küchenregal mit Marienfigur und Kerzen sowie an der gegenüberliegenden Wohnzimmerwand ein Bildersammelsurium mit Fotos der Kinder und selbstgemalte Clownsmotive. Einer der Spaßmacher hat Tränen in den Augen.


Leichtes Lernen gehabt

Kinder und Clowns. Zwischen Spaß, Neugier, Maskerade, Aufstehen und Anteilnahme. Kindheit braucht Unbeschwertheit, Begleitung und die Anteilnahme in freudigen und traurigen Momenten. Kinder. Die hat Norbert Beule schon vor vielen Jahren verloren – weil es keinen Kontakt mehr gibt und die Kinder es nicht wollen. Er selbst wäre den Dreien ein guter Vater weiterhin, so wie am Anfang seiner frühen Ehe, als noch vieles möglich war auf dem Weg in ein glückliches Leben.
Über seine eigene Kindheit will Norbert Beule nicht sprechen, seine sonst lustigen, zusammengekniffenen Augen verfinstern sich und er schluckt. Nur soviel: Aufgewachsen unter ärmlichen Verhältnissen mit zwei Geschwistern im Sauerland ist es sein Großvater, der sich an ihm vergeht. Mehrmals. Und die Mutter weiß es und sie ist zu schwach, um sich dagegen aufzulehnen. Sie weint nur und tröstet den Jungen.


Ist hier schon der Wille bei Norbert Beule erwacht, gegen Übel des Lebens mit eigenen Mitteln anzugehen, statt zu zerbrechen? „Ich weiß es nicht“, meint er und streicht sich bedächtig über den Schnauzbart. Aber er findet Stärken, seine Stärken. In der Schule sind es Bestleistungen, „Weil mir lernen immer leichtfiel“, und in der Ausbildung und im Studium sind es der Sinn für Zahlen und Rechnungswesen. Mathematische Begabung sowie Klugheit, Fleiß und Ausdauer ebnen ihm den Weg zum Bankkaufmann. Alles mit Einser-Noten.
Noch während des Studiums heiratet er, zwei Kinder kommen zur Welt. Um sich was dazuzuverdienen, gibt er anderen Kommilitonen Nachhilfeunterricht. Diese kommen aus besserem Hause, denen ist es egal, ob sie 20 oder 30 Mark für die Stunde hinblättern. Für Norbert Beule ist es eine gute Hilfe neben den 300 Mark BAföG. Das war Anfang der 70er Jahre.


Wenn Norbert Beule auf seinen Beruf zu sprechen kommt, ist er kaum zu bremsen und geht ins Detail. Da ist ihm schwer zu folgen. Es fallen Begriffe wie Kreditlimit, Revision und Wechsel. Ein Banker mit Leib und Seele. Für seinen Chef ist er schon zu Höherem berufen, Beule wechselt in die Kreditabteilung, was ein Umzug in die Vorstandsetage der Genossenschaftsbank mit sich bringt. Anerkennend sagt sein Chef mal zu ihm: „Sie haben die Gabe, mit einem armen Schlucker genauso klarzukommen wie mit hochgestellten Doktoren.“ Trotzdem hat Beule bald ein ungutes Gefühl. Die Karriere geht ihm zu schnell und der tägliche Umgang mit Kunden bei einer Handlungsvollmacht von mehreren 100 000 Mark ist ein knallhartes Geschäft. Und viele Kollegen neiden ihm seine Nähe zum Chef. Doch die Kohle stimmt, Norbert Beule kann es sich leisten, mit seiner Familie mehrmals im Jahr ins Ausland zu verreisen, alle drei Jahre steht ein neues Auto in der Garage. Die Kinder geraten prächtig und die Aussicht, das väterliche Haus im Sauerland zu erben, in das er schon soviel Geld für den Umbau gesteckt hatte, verschafft ihm die Gewissheit, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. [...]