Sächsischer Robin Hood
Vor 250 Jahren wurde Karl Stülpner geboren
Meine Erzgebirgs-Tante aus Bärenstein an der böhmischen Grenze hatte immer viele Geschichten auf Lager, wenn ich sie in den Winterferien besuchte. Und mitunter sang sie in einem Dialekt, den ich nur schwer verstand: „Af de Barch do is holt lustich, af de Barch do is holt schie…“
Und dann erzählte sie auch vom Stülpner-Karl, der hier in den Wäldern sein Unwesen trieb und den Armen half. Da spitzte ich immer die Ohren, zumal ich über diesen Mann im „Atze“ schon eine Bildergeschichte gelesen hatte („Comic“ war als Begriff noch verpönt). In diese Person konnte man so viel hineinprojizieren, weil sich Legende und Wirklichkeit oft verwoben…
Wildern gegen den Hunger
Der spätere Volksheld wird am 30. September 1762 als Carl Heinrich Stilpner in Scharfenstein geboren. Der kleine Ort mit seiner markanten Burg liegt an der Zschopau nördlich von Annaberg-Buchholz. Allein als Zeitzeuge in einer Epoche großer Umbrüche ist Stülpners bewegtes Leben schon erwähnenswert. Französische Revolution, Koalitionskriege, Schlacht bei Jena, Befreiungskriege und beginnende Industrialisierung sind die Wegmarken, die den Sohn eines Müllergesellen begleiten. Er ist das achte Kind einer bitterarmen Familie in einer ebenso armen Region. Hunger ist an der Tagesordnung. Stehlen ist für Viele deshalb eine Frage des Überlebens. So auch für Stülpners Vater, der deshalb 1769 vor Gericht kommt: Er hatte Leinöl entwendet. Als 1771/72 im Erzgebirge eine fürchterliche Hungersnot herrscht, stirbt der Vater. Nun geht der zehnjährige Karl mit der Mutter auf „Nahrungssuche“ und sie kommen dabei selber mit dem Gesetz in Konflikt, als sie Getreide stehlen. Diese bitteren Erlebnisse lassen in ihm den Entschluss reifen, die bedrückenden Familienverhältnisse so zeitig wie möglich zu verlassen und zur Selbsthilfe zu greifen – die Wilderei wird ihn sein Leben lang begleiten.
Dazu ist zu sagen, dass Sachsens Wälder voll mit Wild waren. Doch für die hungernde Landbevölkerung, die kaum für den Eigenbedarf sorgen konnte, war es tabu. Das Wild gehörte dem Kurfürsten, die Jagd blieb dem Adel vorbehalten und auf Wilderei konnte der Tod stehen. Aus Verzweiflung über diese Ungerechtigkeit kam es zu mehreren Bauernaufständen in Sachsen, besonders 1790. Es waren nicht zuletzt die Ideen der Französischen Revolution, die auch in deutschen Landen die ärmeren Schichten erfassten.
Bevor Stülpners Ruf als Wilderer und Helfer der Armen im Erzgebirge die Runde macht und ihm dabei viele Legenden angedichtet werden, gibt es nicht weniger abenteuerliche, militärische Episoden. Als 17-Jähriger verdingt sich Karl Stülpner als Musketier beim kurfürstlichen Regiment in Chemnitz, nimmt am Bayerischen Erbfolgekrieg teil, bekommt das Privileg, in Pachtrevieren des Regiments auf Jagd zu gehen, schießt seinen Kameraden und Offizieren manches schöne Stück Wildbret, was die karge Feldküche bereichert. Doch im wahrsten Sinne des Wortes schießt er über das Ziel hinaus, wildert in fremden Revieren, wird strafversetzt, flieht und geht auf Wanderschaft durch halb Mitteleuropa. Die Wilderei setzt er dabei fort. In Bayern wird er von preußischen Werbern aufgegriffen, kommt in ein Spandauer Regiment und nimmt ab 1792 an der Seite Preußens am Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich teil. Er wird verwundet und desertiert 1794 erneut. Sein Ziel: das heimatliche Scharfenstein. Es beginnt sein „großes Treiben“, wie es im Erzgebirge überall heißt. Und es ist mit einem stillen Einvernehmen verbunden: Stülpner versorgt bedürftige Scharfensteiner mit Wild und Schmuggelware, dafür gewähren ihm die Leute Kost und Logis oder Schutz vor der Justiz. Beistand hat Stülpner bitter nötig, denn die Obrigkeit ist ihm stets auf den Fersen. Sie hatte ihn im Dezember 1795 für vogelfrei erklärt und 50 Taler auf seinen Kopf ausgesetzt, nachdem man bei einer Hausdurchsuchung seine inzwischen 77-jährige Mutter misshandelt hatte und er daraufhin als Vergeltung die Burg Scharfenstein belagert und die Besatzung in Schach hält – ganz alleine! [...]
