Titelthema: Leben im Studium
Bildungsstätte vs. Lernfabrik - Etliche Baustellen, die das Hochschulleben erschweren
Vor drei Jahren besetzten Studierende der Universität Leipzig Teile des Seminargebäudes, um gegen die Auswirkungen der Bachelor-Master-Einführung zu protestieren. Geändert hat sich nichts und nun gibt sogar die Politik Fehler zu.
Masse und Mangel: Der Run auf die Studienplätze jedenfalls nimmt nicht ab. Mehr Bewerber auf eine konstant bleibende Platzanzahl bedeutet heftigere Konkurrenz; denn Reibung ergibt Hitze. So gingen bei der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) bis zum Bewerbungsschluss Mitte Juli 13 100 Bewerbungen ein – neuer Rekord. Nach ohnehin kontinuierlich steigenden Bewerbungen erhöhte sich die Zahl gegenüber dem Vorjahr um 1 630. Das bringt allein in der Verwaltung die Personalkapazitäten in Richtung Grenze. Und die Studienplätze werden nicht vermehrt, was angesichts der für 2013 vorgeschriebenen Stellenkürzungen verständlich ist. So werden im Oktober lediglich 1 500 Neu-Studierende die HTWK besuchen. Das liegt im bundesweiten Trend. So geht die Hochschulrektorenkonferenz davon aus, dass bis 2015 rund 300 000 Studienplätze fehlen werden. An der Universität Leipzig gingen im vergangenen Jahr mehr als 31 000 Bewerbungen ein – ein Drittel mehr als 2010.
Bei allen Rekorden ist eins nicht in Sicht: Die Mittelaufstockung und Schaffung neuer Stellen in der Lehre.
Unausgegorener Entwurf
In Leipzig beziehungsweise Sachsen sind es mehrere Baustellen, die das Hochschulleben erschweren. Da ist zum einen ein Strategiepapier der Bildungsministerin Schorlemmer, das vielen aufstößt. Die Schrift nennt sich „Hochschulentwicklungsplan 2020“. Tatsächlich aber ist der unausgegorene 200-Seiten-Entwurf des Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst (SMWK) reichlich rätselhaft. So sollen vier „regionale Wissensräume“ – Leipzig, Chemnitz, Freiberg, Dresden – zusammengefasst werden, in denen durch „Synergien“ und „Kooperationen“ Hochschulen und andere Wissenschaftsinstitutionen kostensparend die „Wissensgesellschaft“ voranbringen. Wie genau sich das gestaltet, bleibt unbestimmt. Nur einmal wird der Entwicklungsplan konkret: Wenn es um Stellenkürzungen geht. So sieht das SMWK vor, bis 2015 an den sächsischen Hochschulen – die Kunsthochschulen ausgenommen – 300 von derzeit rund 9 000 Stellen abzubauen; davon 72 an der Universität Leipzig. Bis 2020 steigt die Zahl auf 1 000. Aufgrund der Kürzungen bei Mittelbau und Verwaltung, die in den vergangenen Jahren stattfanden, wird der vorgesehene Personalabbau allein durch Streichung von Professuren zu erreichen sein.
Zusätzlich hat die Landesregierung mit einem Beschluss vom September 2012 die studentische Mit- und Selbstbestimmung massiv eingeschnitten. Das sogenannte Hochschulfreiheitsgesetz sieht ein Austrittsrecht aus der Studierendenschaft sowie die Einführung von Langzeitstudiengebühren vor. Nach dem Willen der Landesregierung soll jeder, der die Regelstudienzeit um vier Semester übersteigt, 500 Euro pro Semester zahlen. Dass etwa zwei Drittel aller Studierenden erwerbstätig sind, wird dabei ebenso wenig mitbedacht, wie die Schwierigkeiten, sich bei Studienortswechseln alle Leistungen überhaupt anrechnen zu lassen. In der aktuellen Campus-Ausgabe des „kreuzer“ widmet sich letzterem Problem ein langer Beitrag (Hinweis: der Autor verantwortete die Redaktion des Hefts). Und auch das seit 2011 eingesetzte Deutschlandstipendium schafft kaum Abhilfe. [...]
