Universitätskirche St. Pauli
Zwischen Verdrängung und Wiederauferstehung
Student in einer fremden Stadt
Als ich im Oktober 1979 mein Journalistik-Studium in Leipzig begann, war die Universitätskirche kein Thema für mich. Woher auch? Ich kam aus Berlin, wo ich lange Zeit gelebt hatte, und von der Spree aus verband sich Leipzig für mich mit Messe, Thomanerchor und Zentralstadion. Meine erste, direkte Bewunderung galt dem Hauptbahnhof. Als ich aus der Westhalle heraustrat, um mich zunächst mit der brodelnden Innenstadt vertraut zu machen, bevor ich per Linie 16 das Internat in Lößnig ansteuerte, war ich von der Kompaktheit des Zentrums trotz vieler Lücken beeindruckt. Das kannte ich von Berlin nicht. Alex, Karl-Marx-Allee oder Marx-Engels-Platz boten in ihrer Weitläufigkeit keinen Halt für die Augen. Historische Fluchten waren entweder durch Krieg bzw. nachträgliche Neugestaltungen verloren gegangen.
Die Leipziger Innenstadt sog mich auf. Leuchtreklamen, Tagesbars, Messehäuser, Kinos. Und mir fiel ein Song von Thomas Natschinski ein, dass er mit seiner Band einst spielte:
„Student in einer fremden Stadt Zwei Koffer, ein Lächeln, kein Zimmer. Der Wind trieb das erste welke Blatt..“
Ja, fremd schon. Und der Herbst zeigte sich unfreundlich. Dennoch: Die Trennung von Berlin konnte ich schnell verschmerzen.
Von Kirche keine Spur
Als ich begann, 1980 mit anderen Kommilitonen meines Studienjahres den Hörsaalund Seminarraum-Komplex am damaligen Karl-Marx-Platz zu erobern und wir bald von älteren Semestern mitbekommen sollten, warum man unsere Fakultät (damals Sektion) das „rote Kloster“ nannte, existierte das Vorgängerensemble an gleicher Stelle schon seit elf Jahren nicht mehr. Auch jetzt war es für uns kein Thema. Weil aus selbigem nie eins gemacht wurde. Vielmehr begann gerade der vielbeachtete Bau des neuen Gewandhauses an der Südseite des Platzes, gleich neben dem „Weisheitszahn“, dem Unihochhaus. In einem der obersten Stockwerke hatte die Sektionsverwaltung ihre Büros, und wenn mal kein Dunst war, der schwer über der Stadt lag und Augen und Kehle reizte, dann konnte man bis zum Völkerschlachtdenkmal sehen oder direkt vor sich das sozialistische Ensemble des Platzes überblicken, das Auswärtige wie ich nicht anders kannten. Als ob es schon ewig so ausgesehen hätte.
Natürlich war dem nicht so. Es gab genug Literatur über Leipzig und seine Bauwerke im Wandel der Zeiten. Ein Buch darüber hatte ich mir selbst gerade gekauft: „Leipzig. Historische Straßen und Plätze heute“ vom VEB Verlag für Bauwesen, 1. Auflage 1979. Weil mich Leipzig immer mehr interessierte, zumal ich hier bald sesshaft werden sollte. Der Wandel in bildreichen Gegenüberstellungen von Vergangenheit und Gegenwart im Stadtantlitz der Messestadt schienen im großformatigen Band bestens aufgearbeitet zu sein. So erfuhr ich auch von dem Neuen Theater, dem Bildermuseum, dem Augusteum – Gebäude, die in ihrer bürgerlichen Pracht den einstigen Augustusplatz säumten. Doch kein Bild, kein Hinweis zur Kirche. Auch so versuchte man damals, sie aus dem Gedächtnis zu streichen.
Die historischen Aufnahmen ließen erahnen, wieviel Leipzig doch verloren ging. Dass nicht nur der Krieg dafür Ursache war wie dargestellt, bekam ich später mit. Dafür mussten erst neue Zeiten kommen. [...]
