Alle Wege führen zum Brühl
Rückblick in die Geschichte der Handelsstraße
Bruel, später Brühl, bedeutet „Sumpf“ und ist zusammen mit der angrenzenden Hainstraße eine der ältesten Straßen Leipzigs. Diesen Namen, der um 1420 erstmals schriftlich erwähnt wurde, erhielt die Straße vermutlich mit dem Bau der Stadtmauer zwischen 1265 und 1270, weil das Gelände nördlich der Stadtmauer bis ins Mittelalter hinein Sumpfland gewesen ist. Daher wäre „Am Brühl“ eigentlich zutreffender gewesen. Nach den neuesten archäologischen Erkenntnissen bildete sich im Bereich des Richard-Wagner-Platzes im 7. Jahrhundert der erste slawische Markt sowie die Siedlung Lipsk (slawisch: „Lindenort“) heraus. Bereits vor der Stadtgründung im Jahre 1165 gab es hier eine lockere Bebauung, die im 13. Jahrhundert dichter wurde. Schnell entwickelte sich Leipzig durch seine Lage zu einem wichtigen Handelsknotenpunkt. So war der Brühl Teil der Via Regia, des „Königswegs“! Als älteste und längste Landverbindung des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reiches führte sie von Westen nach Osten und war für den überregionalen Handel von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Heute ist die Via Regia eine Kulturstraße, die mit ihren 4 500 km Länge durch acht Länder Europas führt.
Der Beginn des Pelzhandels
Durch zwei Stadtbrände in den Jahren 1498 und 1518 wurden die Gebäude am Brühl zerstört, aber schnell wieder aufgebaut. Das ist ein Hinweis auf die zentrale Bedeutung des Brühls für Reisende sowie als Umschlagplatz für Waren von und nach Norden. Zahlreiche Gasthäuser luden die Kaufleute zum Übernachten ein und einige erlangten besondere Bekanntheit: Das Weinlokal von Johann Gottlieb Schönkopf am Brühl 19 wurde bekannt, weil Johann Wolfgang von Goethe sich während seiner Zeit in Leipzig (1765–1768) in die Wirtstochter verliebte. Im Gasthaus „Drey Schwanen“ am Brühl 7 fanden seit 1744 die Konzerte des ein Jahr zuvor von Kaufleuten gegründeten Konzertvereins Großes Concert statt. Mit dem Umzug in das Messehaus der Tuchwarenhändler im Jahre 1781 erhielt das Orchester den Namen Gewandhausorchester. Der „Plauensche Hof“ am Brühl 23 trug seit 1804 offiziell diesen Namen, weil vor allem Kaufleute aus Plauen in diesem Gasthof nächtigten. Der Gasthof „Zum roten und weißen Löwen“ am Brühl 3 wurde als Geburtshaus von Richard Wagner (1813–1883) berühmt – das verhinderte aber nicht seinen Abriss im Jahre 1886 und anschließenden Neubau. An der neuen Fassade ist es jetzt als gerastertes Abbild zu erkennen.
Dreimal jährlich war Messezeit, und der Handel am Brühl lag bis ins 19. Jahrhundert auf zwei Schwerpunkten: der Handel mit Wolle, Tuch und Leinen am Richard-Wagner-Platz und der Handel mit Pelzen und Leder an der Kreuzung Brühl/Reichsstraße.
Die Blütezeit im 19. Jahrhundert
Lange dominierten die Gasthäuser das Straßenbild des Brühls, aber dann wichen sie den Lagern und Werkstätten der Pelzhändler sowie den Verkaufsräumen der Kürschnerbetriebe. Der Brühl wurde zum Monopol des Pelzhandels und erlangte Weltruhm als ganzjähriger Umschlagplatz für Rauchwaren. Das Wort Rauchwaren ist bereits seit dem 16. Jahrhundert belegt und stammt vom Adjektiv „rauch, rauh“ ab, das „behaart, zottig“ bedeutet. Man bezeichnete damit die gegerbten, teilweise gefärbten und unverarbeiteten Tierfelle, die das Ausgangsmaterial für Pelzgegenstände bildeten. Die Gerbereien und Färbereien befanden sich außerhalb der Stadtmauer an fließenden Gewässern, nur die Kürschnereien durften ihr Handwerk in der Stadt verrichten – mussten aber ihre Beize außerhalb entsorgen. Trotzdem war der Brühl laut zeitgenössischen Berichten „zu riechen“: Ein Duft nach Konservierungsmitteln wie Kampfer und Naphthalin, gemischt mit dem süßlichen Geruch der rohen Felle, lag ständig in der Luft.
Ab 1860 entstand das typische Bild einer Ladenstraße mit Durchgängen und Höfen am Brühl – wie es heute charakteristisch ist für Leipzig. Die hölzernen Hofgalerien dienten zum Ausklopfen der Pelze, um sie vor Staub und Mottenbefall zu schützen. Die Zahl der Geschäfte mit Rauchwaren und Leder stieg im Jahre 1875 auf siebzig an (1784 waren es nur neun gewesen). Die größtenteils jüdischen Rauchwarenhändler waren zu Dauergästen der Stadt Leipzig geworden und lebten mit ihren Familien im südlichen Gohlis, im Waldstraßen- und Musikerviertel. [...]
