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August G. Richter und Leipzig

August G. Richter und Leipzig

Zum 200. Todestag des „Lessings der Chirurgie“

altGut 40 km von Leipzig entfernt, im nördlichsten Zipfel des alten „Wettiner Landes“ gelegen, befindet sich die kleine, ehedem zu Sachsen gehörende Stadt Zörbig. Hier wurde Konrad Reiske, der bedeutende Orientalist, Rektor der Leipziger Nikolaischule und Freund Lessings, geboren. Am 13. April 1742 erblickte aber auch August Gottlieb Richter in Zörbig das Licht der Welt, der später der „Lessing der Chirurgie“ und häufig auch der „Vater der deutschen Chirurgie“ genannt wurde, weil er das zeitgenössische chirurgische Wissen Europas zusammenfasste und es den deutschen Wundärzten in deutscher Sprache zugänglich machte. Wir begehen in diesem Jahr seinen 200. Todestag.


Sein Vater, Georg Gottfried Richter, hatte in Leipzig Theologie studiert und wirkte seit 1741 als Oberpfarrer in Zörbig. August Gottlieb besuchte die Zörbiger Lateinschule und nahm 1760, mitten im Siebenjährigen Krieg, das Anerbieten eines Onkels, des in Göttingen wirkenden Mediziners Georg Gottlob Richter an, ihm an der dortigen Universität ein Medizinstudium zu finanzieren.
Während des Studiums verbrachte er viele Stunden im Lazarett, das die Franzosen, die Göttingen während des Siebenjährigen Krieges einige Jahre besetzt hatten, in dieser Stadt errichtet hatten. Es hieß, dass es sein zweites Zuhause gewesen sei. Nachdem er 1764 das Studium abgeschlossen hatte, ermöglichte ihm der Onkel eine zweijährige Studienreise nach Paris, London, Oxford und Leiden. Hier lernte er die damals berühmtesten Ärzte kennen. Dazu gehörten der große Geburtshelfer André Levret und der Chirurg Percival Pott. In Leiden freundete er sich mit Carl Caspar Siebold an, dem anderen großen deutschen Chirurgen der Epoche.


Gegen konservative Medizin
Nachdem er im Jahre 1766 nach Göttingen zurückgekehrt war, wurde Richter zum außerordentlichen Professor ernannt und setzte sich in seiner Antrittsvorlesung für die Gleichstellung der damals verachteten Chirurgie mit der konservativen Medizin ein. Er meinte, sie habe zuverlässigere Mittel als die konservative Medizin und hoffte, auch die Staroperation den fahrenden Augenärzten „entreißen“ zu können. Einer von ihnen, der „Oculist“ John Taylor, hatte im Jahre 1749 J. S. Bach operiert, wobei dieser nicht nur erblindete, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit an einer dadurch verursachten schleichenden Sepsis starb. Richter fasste seine Kenntnisse und Erfahrungen später in der „Abhandlung von der Ausziehung des grauen Staars“ zusammen, in der er die neue Methode der Staroperation nach Daviel propagierte. Dieses Werk erschien Anfang der siebziger Jahre. Damals war er schon zum ordentlichen Professor ernannt worden, hatte geheiratet und begann die „Chirurgische Bibliothek“ herauszugeben, ein berühmtes Journal, in dem er in 15 Bänden von jeweils 800 Seiten Länge die gesamte chirurgische Literatur Europas 25 Jahre lang fast allein zusammenfasste und beurteilte. Darin äußerte er sich auch über das grundlegende Handbuch des hochgeachteten Leipziger Anatomen und Chirurgen Johann Zacharias Platner, über den er schrieb: „Der seel. Plattner war einer der ersten Deutschen, welche die Wundarzneykunst … in eine wissenschaftliche Form brachte, auf vernünftige Grundsätze reducirte, und in ein System ordnete.“ [...]