Des Teufels Dutzend
Ein Leipzig-Krimi (Teil 1)
Prolog: Dort, wo die Nacht dem Morgengrauen näher ist, als der Geisterstunde, wirkt die Stadt wie eine verlassene Theaterbühne. Tom Willner hatte sich in jüngster Zeit mit kaum etwas anderen als mit Theater befasst. Das es nun so jäh enden würde, lässt ihn darum nicht kalt. Aber ihm bleibt seiner Meinung nach nichts anderes übrig. Er schleicht so, als fühlt er sich beobachtet. Aber da ist weniger die Angst im Spiel, als viel mehr ein längst vergessenes Kribbeln. Seit Jahren hat er diese Art wachsender Vorfreude nicht mehr gespürt. Endlich drückt sich Willner aus dem Dunkel ins Licht der Straßenlaternen. Nun muss er an den edlen Eingangsbereichen einiger Hotels vorbei, die hell erleuchtet sind. Drinnen langweilen sich Damen und Herren am Empfang. Nur zu dankbar beobachten sie jeden, der um diese Zeit vorüber geht. Aber Willner redet sich selbst ein, dass er sich keine Sorgen machen muss. Er kommt nicht besonders verdächtig daher. Willner huscht eilig an den Hotelgebäuden vorbei. Schließlich kommt er beim Riquet-Haus an. Die beiden Elefantenschädel, die den Eingang schmücken, machen in der Dunkelheit einen besonders schaurigen Eindruck. Als starren sie ihn an. Einmal tief durchatmen. Dann tritt er ein. Die Tür ist nicht verschlossen. Noch am selben Abend, eine dreiviertel Stunde später, wird die Feuerwehr anrücken müssen, um das Kaffeehaus zu löschen. Man wird einen grausigen Fund machen. Willner. Erschossen.
1. Akt: „Zwei orientalische Elefanten”
Ein kleiner dicklicher Mann mit Dali-Bärtchen. Und zu allem Überfluss zeigt er sich auch noch in einem hautfarbenen Hemd, welches derartig fehlerhaft zugeknöpft ist, das auch der fleischfarbene Schlips keine Ablenkung verschafft – Dr. Richard Babeuf. Und diese Person wird aktuell als Leipzigs bedeutendster Theaterregisseur gefeiert, dachte Kommissarin Siebert schon, als er gegenüber von ihr Platz nahm. Vor zwei Jahren – so schätzt sie – hatte sie sich mal seine Inszenierung von Brechts Mutter Courage angesehen und war nicht sonderlich begeistert. Unkonventionell, originell, weltfremd, grotesk. Wie konnte er die Mutter Courage nur als Vertreterin für Tupperware darstellen, deren Sohn von einer Straßenbahn überfahren wird? Doch höflichkeitshalber meidet sie jegliche Spitzen – noch.
„Ich weiß nicht mehr zu sagen, als in der Zeitung steht.”, sagt er mit wachsender Ungeduld, die sich im Zucken seiner linken Augenbraue manifestiert.
– „Aber Willner soll mit Ihnen auch neben der Arbeit gut befreundet gewesen sein.”
– „Ach Frau Kommissarin, meine Arbeitsphilosophie besteht darin, zu all meinen Schauspielern Freundschaften zu pflegen. Die Stücke gehen lockerer von der Hand. Manchmal sage ich ihnen, sie sollen sich fühlen, wie bei einem großen Partyspiel. Gerade bei diesen Schauspielern hilft das.”
– „Ein Rollenspiel. Eines mit heimlichen Mördern.”, gibt Siebert spitz zurück.
Babeuf reagiert mit Empörung: „Unverschämtheit. Ja, es sind Kriminelle. Heißt das, dass sie zu nichts Besserem fähig sind?”
– „Ganz ruhig. Ich weiß, dass Sie sich allgemein viel erlauben. Besonders, da man Sie für einen Visionär hält. Aber Sie sind doch weiß Gott nicht der erste Regisseur, der mit Ex-Knackies Theaterstücke aufführt. Resozialisierung durch Kunst. Das Thema wurde sogar schon verfilmt und …”
„Ich bin der erste, der mit ehemaligen Häftlingen Straßentheater macht. Und dann auch noch einen so schwierigen Stoff wie Goethes Faust.” [...]
