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Wohin führt der Weg…

Das neue Jahres-A B C - Wir schauen zurück und wir schauen nach vorn

A wie ADAC – Falls Sie besonders dichtes Haar haben und bei Ihnen der heimische kleine Föhn zum Trocknen nicht mehr ausreicht, dann sollten Sie sich einen Hubschrauber vom ADAC mieten. Der Verein hat den Föhn-Heli bereits erfolgreich bei Rasentrocknungen getestet. Zum Dank wird der ADAC Ihre Karre (egal in welchem Zustand) zum Auto des Jahres küren.

B wie Bundeswehr– Unsere Truppe und ihre Technik, der Schrottplatz der Nation. Und niemand hatte es bisher gemerkt. Auch hat sie einen Hang zu Verspätungen, wenn sie zum Einsatz gerufen wurde. Andererseits: Wenn jede Armee der Welt in solchem Zustand wäre – wir hätten bald den ewigen Frieden!

C wie Concita Wurst – Mann? Frau? Transe? Egal. Ein Ösi jedenfalls hat‘s der Welt gezeigt, wie man(n) mit Bart und Make up selbige für sich einnehmen kann. Alles andere ist doch völlig wurscht.

D wie Denkmal – Endlich! Der völlig verkorkste Wettbewerb zum Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig ist vom Tisch. Das kommt davon, wenn man der Bevölkerung ungefragt etwas vor die Nase setzen will. Noch dazu von Leuten, die vor 25 Jahren noch nicht einmal wussten, wo Leipzig überhaupt liegt…

E wie Ewigkeit – Sie stehen da wie für die Ewigkeit gesetzt, die ägyptischen Pyramiden oder die Akropolis. Unsere Altvorderen hatten diese Werke fertig gebaut. Der Berliner Airport BER oder die Hamburger Elbphilharmonie halten auch für die Ewigkeit – als Baustellen.

F wie Fußball-WM – …und Deutschland zum Vierten! Super-Mario vergoldete im letzten Moment das Finale gegen Argentinien. Und zuvor gegen Gastgeber Brasilien schossen unsere Jungs Tore fast im Minutentakt. Das war schon mitleiderregend. Deshalb wird es eine Eintagsfliege bleiben.

G wie Geldzuwendungen – Leipzig ist eine reiche und großzügige Stadt. Deshalb spendet sie der klammen katholischen Kirche 1 Millionen Euro für deren Treffen in zwei Jahren. Der Stadtrat wollte es so. Gern verzichten Kinder und Jugendliche dafür auf Freizeittreffs. Und die Verkehrsbetriebe dürfen ihrem Ex-Boss Hanss ab 2015 Jahr für Jahr 100 000 Euro ins ferne Köln überweisen. Gern zahlt der Fahrgast dafür wieder höhere Ticketpreise.

H wie Helene Fischer – Die singende Blondine ist omnipräsent, und Andrea Berg muss sich ganz warm anziehen. Wenn Lenchen mal nicht singt und Show macht (was sie wirklich kann), dann beglückt sie unsere Fußball-Jungs, moderiert, wirbt für Butter oder für einen Kaffee-Einzelhändler. So macht sie halb Deutschland atemlos. [...]

Wir wollten nichts Böses…

Eine Weihnachtsgeschichte von Thomas Schulz

Fröhhöliche Weihnacht überall..., wird es für uns nicht geben, dachte ich. Schon Nikolaus war heute Morgen sehr spärlich ausgefallen. In den Stiefeln von mir und meinen drei Brüdern war nur ein kleiner Weihnachtsmann gewesen. Meine Brüder Micha und Martin gehen noch in den Kindergarten. Max und ich gehen in die gleiche Schule. Ich in die 4. Klasse, Max in die 2. Klasse. Nach der Kaffeezeit hatten Mama und Papa mir und meinen Brüdern mitgeteilt, dass es dieses Jahr kein Weihnachtsfest geben würde. Die alte Waschmaschine hatte den Geist aufgegeben, und nun musste eine neue her. Da das Geld sehr knapp war, reichte es nicht für Weihnachten. Mama und Papa waren schon seit längerem arbeitslos.

Ich wusste, dass es schwer genug für die Familie war, über die Runden zu kommen. Dass nun aber Weihnachten ausfallen sollte, machte mich sehr traurig. Meine Eltern taten zwar alles für uns, aber so drei Wochen vor den Feiertagen war die Waschmaschine eben wichtiger. Ich überlegte, was ich tun könnte. Am nächsten Tag ging ich zu Max und sagte zu ihm: „Wir müssen reden, es geht um Weihnachten. Aber Mama und Papa und die beiden Kleinen dürfen nichts davon wissen. Es ist unser Geheimnis. Wollen wir zusammen Weihnachten retten?“
„Klar, was wollen wir machen?“, rief Max. Schließlich kamen wir beide auf die Idee, Flaschen und Papier zu sammeln. Das taten wir auch fleißig jeden Tag. Am 22. Dezember brachten wir alles Gesammelte weg. Enttäuscht saßen wir später in unserem Zimmer, gerade mal 25 Euro hatte unsere Aktion eingebracht.
„Gut“, sagte ich „es reicht für einen Weihnachtsbaum, aber für mehr auch nicht.“ Niedergeschlagen dachten wir nach, wie wir beide Mama und Papa noch helfen könnten. Da kam Max auf die Idee, einer alten Dame in der Kaufhalle das Portemonnaie zu mopsen.
„Eigentlich eine blöde Idee“, meinte ich, „aber so kurz vor Weihnachten fällt mir auch nichts Besseres ein. Also machen wir’s. Aber nur bei reichen Omas!“ [...]

Dann kam die Flut…

Eine Stadt nach dem Tsunami

Unser ehrenamtlicher Fotograf und Autor Oliver Baglieri reist gern und viel. Dabei führt ihn sein Weg nicht nur zu attraktiven Touristenzielen, sondern auch in Regionen in denen Not, Armut und Konflikte herrschen. Im Dezember 2013 bereiste er Indonesien, ein Land, dass mit am schwersten vom Tsunami des zweiten Weihnachtsfeiertages 2004 betroffen war und bis heute ist. Seine Eindrücke darüber, wie die Katastrophe bis heute nachwirkt und immer noch ein Spiegelbild dessen liefern, was hier geschah, zeigt er im folgenden Text und seinen Bildern.

Ich habe die Provinz Aceh auf Sumatra besuchen dürfen. Allen voran die Provinzhauptstadt Banda Aceh. Eine Großstadt, welche an einem einzigen Tag, binnen weniger Stunden, über 25 000 Opfer zu beklagen hatte. Es verwundert nicht, dass dieser Spiegel bis heute die Schatten der Ereignisse auf das dortige Leben wirft. Viele Gespräche mit Einheimischen durfte ich führen. Gespräche, welche allesamt, auch ohne dass ich die Ereignisse ansprach, immer wieder auf diesen einen Tag hinausliefen. Egal, ob der Fahrer des Moped Taxis, die Empfangsdame an der Hotelrezeption oder der Fahrkartenverkäufer der Fährverbindung nach Iboeh, einer vorgelagerten Insel, jeder von ihnen hatte nicht nur seine Geschichte zu erzählen. Jeder von ihnen lebt bis heute im Bewusstsein jener Ereignisse, die an einem einzigen Tag das Leben Zigtausender verändern sollten.

Nicht einer von ihnen hatte keine Geschichte und keine Opfer in der Familie zu beklagen. Geschichten von der Flucht der Jüngeren, deren körperliche Verfassung es zuließ, rechtzeitig höher gelegene Gegenden zu erreichen, welche jedoch Eltern, Großeltern, Kleinkinder zurücklassen mussten, da diese zu schwach oder einfach zu langsam waren. Starben. Geschichten von Menschen, die alles verloren, da tonnenschwere Schiffe wie Papierbötchen ins Landesinnere geschwemmt wurden, weit, bis zu 13 km in die Stadt hinein und alles zermalmten, was einst sicheren und festen Boden hatte. Geschichten, welche heute nahezu überall bezeugt werden. Da steht ein mahnendes Containerschiff, mitten in der Stadt, kilometerweit von der Küste entfernt. In den Hotels finden sich an jeder Wand Fotos des eigenen Hauses, von Schiffen und zerstörten Autos, von Schlamm und Geröll umgeben und zerstört. [...]

Migration in Leipzig

Die breite Palette des Lebens - Integrationsbeauftragter Stojan Gugutschkow im Interview

Wenn Stojan Gugutschkow Gäste durch Leipzig führt, fragen diese häufig: „Wieso gibt es hier so wenig Ausländer?“ Da muss er sich fast verteidigen und sagen: „Das sind doch gar nicht so wenige!“ Aber natürlich ist ein Migranten-Anteil von 10 % im Vergleich zu anderen westdeutschen oder europäischen Städten, die einen Anteil von 20 oder 30 % haben, wenig. Doch kommen auch in Leipzig jedes Jahr neue Einwanderer hinzu, und deren Integration ist eine Herausforderung für alle Beteiligten: die Migranten/innen selbst, die Stadtbevölkerung und die Kommune. Unterstützend wirkt dabei das Referat für Migration und Integration der Stadt Leipzig. Die KiPPE sprach mit dessen Leiter Stojan Gugutschkow über Aufgaben, Herausforderungen, Ressentiments und Erfolge auf Leipzigs Weg in eine immer vielfältigere Stadtgesellschaft.

KiPPE: Bitte fassen Sie die wichtigsten Aufgaben des Referats für Migration und Integration zusammen.
Stojan Gugutschkow: Der Auftrag war von Anfang an, also seit 1990, Integration zu fördern und Benachteiligung sowie Diskriminierung der hierlebenden Migranten abzubauen. Dahinter steckt eine ganze Menge: Information, Beratung, Vermittlung, Konfliktmanagement, Öffentlichkeitsarbeit, Antidiskriminierungsarbeit, Vernetzung, Projektförderung, Projektbegleitung usw. Wir wirken sowohl in die Stadtverwaltung hinein, als auch nach außen. Und das nicht nur in Bezug auf Migranten, sondern auf die Stadtgesellschaft insgesamt, weil Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Glücklicherweise haben wir viele Partner in der Stadt. Allein wäre das nicht zu schaffen.
Was wir nicht tun, das sind die ausländerrechtlichen Verfahren, mit denen man sich an die Ausländerbehörde wenden muss. Insofern gibt es bei uns weder Bescheinigungen, noch Stempel, sondern Informationen, Rat, Hilfe und Vermittlung in Bezug auf die verschiedenen Aspekte des städtischen Lebens – von der Kita bis hin zur Bestattung. In dem, was wir tun, wird die breite Palette des alltäglichen Lebens abgebildet.

Was sind die häufigsten Gründe für Migration?
Die Gründe für Migration sind seit Jahrhunderten die Gleichen: Die einen wandern aus wirtschaftliche Gründen aus, die anderen aus religiösen. Man migriert aus rein privaten Gründen, weil man einen Partner woanders auf der Welt gefunden hat und die Familie zusammengeführt werden soll. Die Arbeit oder das Studium sind Gründe für Migration. Oder es ist der Druck, fliehen zu müssen, weil man Verfolgung ausgesetzt ist – das kann politisch, religiös oder durch Kriege, Umwelt- und Naturkatastrophen bedingt sein. Die Gründe für Migration sind also sehr vielfältig!

Und im Referat können sich diese Leute dann beraten lassen?
Ja, aber es ist nicht so, dass jeder Migrant der nach Leipzig kommt, problembeladen ist und unsere Hilfe benötigt. Es kommen diejenigen, die ein Problem oder Fragen haben. Sie können auch andere Beratungsstellen aufsuchen, die es inzwischen gibt, insofern sind wir nicht die einzige Anlaufstelle.

Es gibt also ein Netzwerk mit Beratungs- und Hilfsangeboten für Migrantinnen und Migranten?
Auf jeden Fall. Wir sind mit allen vernetzt und verweisen auf die anderen Möglichkeiten. Es gibt wiederum auch Anliegen, mit denen man gar nicht zu einer spezifischen Migranten-Beratung muss, sondern gleich zu einer regulären Beratungsstelle wie zum Beispiel einer Erwerbsloseninitiative gehen kann.
Eine andere Frage ist, dass man auch dort dafür sorgen muss, dass migrantenspezifischen Belange berücksichtigt werden. Es geht darum, dass jede Behörde in ihrem Zuständigkeitsbereich ihre Aufgaben auch gegenüber dieser Klientel wahrnimmt. Man muss die vorhandenen Strukturen fit machen für den Umgang mit Migranten. Diese Prozesse regen wir an und begleiten sie. [...]

Dieses „System“ ist grundfalsch

Interview: „A wie Asozial. So demontiert Hartz IV den Sozialstaat“

KiPPE: Frau Reif, bitte stellen Sie sich kurz vor.
Franziska Reif: Ich bin freiberufliche Autorin, Übersetzerin und Lektorin in den Sprachen Deutsch und Englisch.

Wie kam es zur Idee Ihres gemeinsam mit Tobias Prüwer verfassten Buches „A wie Asozial“?
Das war ein jahrelanger Prozess, der durch Anekdoten in Gang gesetzt wurde, die man von „Betroffenen“ über Hartz IV gehört hat, aber auch durch eigenes Erleben. Wie bei vielen Akademikern war es auch bei mir so, dass ich nach dem Studium nicht gleich nahtlos einen Job hatte, sondern erst einmal arbeitslos war. Und weil man vorher studiert und nicht gearbeitet hat, ist man gleich Hartz-IV-Empfänger. In dieser Situation habe ich mich dann sehr gewundert, wie im Jobcenter mit erwachsenen Menschen umgegangen wird, die eigentlich nichts falsch gemacht haben, außer dass sie gerade temporär nicht in der Lage sind, selbst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das hat dann Recherchen in Gang gesetzt, die über Anekdoten hinausgingen. Nachdem Tobias und ich einiges an Material gesammelt hatten, erkannten wir darin eine gewisse Systematik, die schon im Gesetz selbst begründet ist. Daraus haben wir ein erstes Konzept gestrickt und sind damit an Verlage herangetreten.

Was soll das Buch bewirken?
Es gibt ja jede Menge Literatur zu dem Thema – aus soziologischer, juristischer, volkswirtschaftlicher, arbeitspsychologischer Perspektive und so weiter und so fort. Außerdem gibt es Ratgeber und Bücher von Betroffenen. Alle haben ihre jeweilige Berechtigung, doch füllen sie Regalmeter. Wir haben versucht, das alles zu bündeln, einen roten Faden reinzulegen und das dann lesbar und verständlich aufzuschreiben.

Ihre Veröffentlichung „A wie Asozial“ ist eine große Hartz-IV-Kritik. Können Sie dennoch irgendeinen positiven Aspekt an den derzeitigen Regelungen erkennen?
Das Einzige, das mir dazu einfällt, ist der Aspekt, dass Arbeitslose nicht ganz allein gelassen werden. Es könnte schlimmer sein, ich kann aber wirklich nicht sagen, was gut daran ist.

Warum wurde diese Reform durchgeführt?
Im Hintergrund des Ganzen stand, dass die fetten Jahre der BRD endgültig vorbei waren und man sich mit einer neuen Arbeitsmarktsituation konfrontiert sah. Es gab mehr Arbeitslose als in den frühen 1970er Jahren und man hatte hohe Kosten damit. Mit Hartz IV wollte man beides verringern. Dass die Kosten dann zunächst enorm gestiegen sind, wurde freundlicherweise den Arbeitslosen zur Last gelegt, obwohl das vor allem verwaltungstechnische Gründe hatte. Und dass die Arbeitslosenzahlen dann runtergingen, war in erster Linie ein konjunktureller Effekt, was natürlich auch indirekt mit der Reform zusammenhing, aber es hatte vor allem etwas mit der Liberalisierung des Arbeitsmarktes zu tun: Der Niedriglohnsektor wurde ausgeweitet, ebenso die Zeit- und Leiharbeit, was sich ja manchmal überlappt. Mit Hilfe dieser Modelle kann man Menschen viel schneller vermitteln und damit aus der Statistik heraus halten. Diesen Leuten geht es dann aber nicht unbedingt besser. Man muss betonen, dass durch die Liberalisierung des Arbeitsmarktes nicht massenweise gute Arbeitsplätze geschaffen worden sind, sondern dass sie zu einer Prekarisierung der Lebensverhältnisse führte, weil sich viele nun von einem befristeten Job zum nächsten hangeln, der dann auch noch schlecht bezahlt ist. Häufig landen sie auch schnell wieder bei Hartz IV und bleiben in dieser Spirale hängen. [...]