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„Ich fühle mich voll integriert“

Wir haben Alaa Almohamad Ende 2018 im Rahmen unserer damaligen Reihe „Die Welt zu Hause in Leipzig“ vorgestellt (www.kippe-leipzig.de/diewelt). Anfang des Jahres hat er sich bei uns gemeldet und gefragt, ob er davon berichten dürfe, wie es ihm seitdem ergangen ist. Im Online-Gespräch erzählte er u.a., welchen Effekt die E-Mail einer KiPPE-Leserin auf ihn hatte und warum er sich heute Alaaldin nennt.

Interview: Sandy Feldbacher & Foto: privat

KiPPE: Wie geht es dir heute?
Alaa Almohamad: Mir geht es sehr gut. Ich lebe jetzt in Berlin, aber in meinem Herzen bin ich immer noch Leipziger. Ich vermisse die Stadt und möchte sie bald mal wieder besuchen. Ich habe einen Job als persönlicher Assistent für an MS und Alzheimer erkrankte Menschen und zusätzlich engagiere ich mich ehrenamtlich, habe Freunde und gute Kollegen.

Wir hatten dir nach dem Erscheinen des Beitrags über dich vor vier Jahren die Mail von einer Leserin weitergeleitet. Was stand darin und was hat das mit dir gemacht?
Es war ein unangenehmer Brief für mich und ich war sehr traurig, weil sie mir Vorwürfe gemacht hat, ich wäre nur in Deutschland, um Hartz IV zu beziehen und auf Kosten der Steuergelder zu leben. Ich habe viel darüber nachgedacht. Und die Lösung für mich war: Ich muss arbeiten.

Hätten wir dir den Brief besser nicht schicken sollen?

Nein, das war o.k. Dieser Brief hat mein Leben geändert. Ich habe immer an die Frau gedacht und wollte ihr beweisen, dass sie unrecht hat und wir nicht hier sind, um Hartz IV zu genießen.

Wie hast du deinen Plan, arbeiten zu gehen, in die Tat umgesetzt?
Damals war mein Sprachniveau noch zu niedrig zum Arbeiten. Deshalb habe ich erst einmal weiter Deutsch gelernt und mein C1-Niveau, also das höchste, absolviert. Nachdem ich die Prüfung nach einigen Anläufen bestanden hatte, war ich bereit für einen Job und habe mich ungefähr 100 Mal beworben, aber nur Absagen erhalten. Ich vermute, dass es an meinem arabischen Namen lag. Dann hatte ich die Idee: Warum nicht Berlin? Hier habe ich schnell einen Job gefunden. Die Berliner suchen jemanden zum Arbeiten, egal wie er heißt. Zuerst habe ich kurz in einer Bäckerei gearbeitet, danach wusch ich Teller in einem großen Hotel. Das war harte Arbeit für wenig Geld und mit keiner Sekunde Pause, aber ich habe es sechs Monate gemacht, damit ich offiziell von Leipzig nach Berlin umziehen durfte. Das war mit viel Bürokratie-Stress verbunden. Als das erledigt war, habe ich gekündigt, mich aber nicht beim Jobcenter gemeldet, sondern meine Miete und Krankenversicherung selbst bezahlt. So konnte ich in Ruhe ohne Druck auf Arbeitssuche gehen und war nicht abhängig vom Amt. [...]

Niemals unterkriegen lassen

Als wir uns im vergangenen Frühsommer auf einem Freisitz in der Gottschedstraße zum ersten Mal trafen, stand Gini Schenke vor einer Veränderung. Wieder einmal. Der Umzug vom Waldstraßenviertel nach Gohlis stand ins Haus. Doch weitaus mehr bewegt die Frau, welche Erfahrungen sie bisher hier im Sächsischen gemacht hat.

Text & Foto: Björn Wilda

Gut, Umzüge sind eigentlich nichts Ungewöhnliches im Leben eines Menschen. Aber dieser Ortswechsel für Gini fügt sich ein in die Lebenseinstellung der 38-Jährigen, Schwierigkeiten nicht aus dem Weg zu gehen, sich niemals unterkriegen lassen und positiv zu denken. Trotz so mancher unschöner Erfahrungen.

Geholfen hat ihr dabei in nicht unerheblichem Maße der Sport. Laufen, Ausdauertraining, Dehnungsübungen… Nicht aufgeben, immer dran bleiben. Wenn sie unweit des Sportforums ihre Übungen macht, ist keine Stufe, keine Bank oder kein Geländer vor ihr sicher, um nicht als Trainingsgerät benutzt zu werden. Doch inzwischen hat sich ihr Interesse verschoben, das mit der neuen Wohnung für sie und ihre Familie zu tun hat. Dazu später mehr.
Natürlich fällt Gini noch aus einem offensichtlichen Grund auf. Geboren ist sie in der Demokratischen Republik Kongo, die damals noch Zaire hieß. Das war‘s denn auch schon, was ihre Herkunft betrifft. Über ihre Stiefmutter kam Gini im Alter von 13 Jahren nach Bayern. Deutschland sei längst ihre Heimat, als Deutsche fühle sie sich, betont sie. „Meine prägenden Jahre waren in München und Regensburg“, erzählt sie, „habe mein Abi gemacht, dann in Nürnberg und Bamberg Soziologie studiert.“ Sie fühlte sich gut aufgenommen, und noch heute erinnert sie sich gerne an jene Zeit. Wir sitzen in der großen Wohnküche, ihre kräftige Stimme erfüllt den Raum. Bis sich ihr Ton dämpft. Die Mutter ist gerade gestorben. Doch dann wieder kommt ein Lächeln über Ginis Gesicht, und halb belustigt gibt sie damalige Reaktionen anderer wieder: Wie nur kann eine blonde Frau zu zwei schwarzen Kindern kommen? Das andere Kind ist Ginis Halbbruder. [...]

Montag

Ein Tag, der es in sich hat

Der Erscheinungstag dieser Ausgabe fällt auf einen Dienstag. Da ist der Montag also schon vorbei. Gottseidank, werden viele sagen. Weil wir den Montag so wenig mögen. Doch weil es die Natur nun mal so will, wiederholt sich dieser Tag alle sieben Tage. Und das gleich 52 Mal im Jahr. Nicht gerade berauschend, oder?

Text: Björn Wilda & Foto: Das Abendmahl in Emmaus, Gemälde von Michelangelo da Caravaggio, 1601 (Quelle: Wikipedia)


Was ist eigentlich dran an diesem Wochentag, dass wir ihn mit so vielen Unannehmlichkeiten bzw. besonderen Eigenheiten verbinden? Dabei trägt die Namensherkunft durchaus himmlische Züge. Bei den Babyloniern galt der erste Tag als Tag der Sonne, deshalb Sonntag. Der zweite Tag war der Tag des Mondes (lat. dies lunae), daraus entstand Montag. Die Babylonier hatten die Wochentage nach den mit bloßem Auge zu erkennenden Planeten des geozentrischen Weltbildes benannt, es waren sieben Himmelskörper.
Moment mal, startet die Woche nicht mit dem Montag statt mit dem Sonntag? Ja, aber erst seit 1976. Bis Ende 1975 galt in der Alt-BRD der Sonntag als erster Wochentag. Dafür gab es sogar eine DINNorm, die dann entsprechend geändert wurde. Muss ja alles seine Ordnung haben. In der DDR begann schon ab 1969 die Woche mit dem Montag. In angelsächsischen Ländern dagegen hält man noch heute an dem Sonntag als Wochenstart fest.

Egal, wann die Woche beginnt, jedenfalls hat der Montag so seinen ganz besonderen, oft wenig schmeichelhaften Ruf, und Sprüche darüber gibt es zuhauf: „Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Erdanziehungskraft am stärksten ist, wenn man Montag morgens im Bett liegt“ oder: „Möge dein Kaffee stark und dein Montag kurz sein“ oder: „Das S im Montag steht für Spaß“. Schon der Sonntagnachmittag verdüstert zunehmend unser Gemüt angesichts des Ausblicks auf den Montag. Das Wochenende mit seinen Annehmlichkeiten (länger schlafen, Fahrt ins Blaue, abends feiern oder einfach nichts tun) war mal wieder viel zu kurz. Dafür erscheint uns die kommende Woche wieder einmal unendlich lang zu werden. Wenn man wenig zu tun hat bzw. kaum was passiert in den nächsten fünf Tagen, dann ganz sicher. [...]

Wissen, wo der Schuh drückt

Martin Maciejewski leitet seit 2021 die Geschäfte des Volkssolidarität Stadtverband Leipzig e.V., wo er in jungen Jahren schon seinen Zivildienst leistete. Nachdem ihn sein beruflicher Werdegang in den Süden und Norden Deutschlands geführt hatte, schloss sich so der Kreis für den Ur-Leipziger. Seine Entscheidung hätten auch die Grundwerte des sozialen Unternehmens beeinflusst: Frieden, Humanismus, Demokratie, Solidarität und Vielfalt. Im KiPPE-Interview ging es um sein Ankommen bei der Volkssolidarität, die Herausforderungen Corona und Impfplicht im Gesundheitsbereich, das Bild der Pflege in der Öffentlichkeit, wie auch sozialpolitische Forderungen des Verbandes.

Interview: Sandy Feldbacher & Foto: Volkssolidarität Stadtverband Leipzig e.V.

KiPPE: Sie sind seit Sommer neuer Geschäftsführer der Volkssolidarität Leipzig – wie haben Sie das erste halbe Jahr erlebt?
Martin Maciejewski: Ein neuer Job ist natürlich immer spannend, gerade wenn er mit einem Ortswechsel verbunden ist. In meinem Fall war auch Aufregung dabei, sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei mir, man muss sich erst einmal kennenlernen und einen Überblick über Menschen, Strukturen und Abläufe verschaffen, viele Gespräche führen. Das war sehr interessant und intensiv – wir hatten in den ersten Wochen und Monaten bewusst viele Termine in den über 30 Einrichtungen unseres Unternehmens gesetzt.
Und auch mit vielen externen Partnern aus der sächsischen Volkssolidarität, Verbänden, anderen sozialen Trägern, Unternehmen, Gesellschaften und Politik haben wir uns getroffen und Gespräche geführt. Das Potpourri war ganz breit und ich habe mich gefreut, dass ich überall sehr schnell und gut ankommen durfte.

Eine der größten Herausforderungen Ihres Verbandes ist sicher nach wie vor die Corona-Pandemie, die insbesondere soziale Einrichtungen seit dem Herbst wieder vor große Herausforderungen stellt. Was sind die größten Probleme und wie gehen Sie und Ihre Mitarbeitenden damit um?
Die Pandemie hat entscheidende Auswirkungen auf den Arbeitsalltag, der tagtäglich von dem Thema Corona bestimmt wird. Deshalb kommen viele Mitarbeiter und Einrichtungen regelmäßig an die Belastungsgrenzen. Wir schaffen es nur, indem wir als Team sowohl in der Geschäftsstelle als auch mit den Leitungen vor Ort zusammenarbeiten und viel kommunizieren, um Lösungen zu finden. Auch Durchhaltevermögen und Disziplin sind wichtig. Deshalb muss man das Thema immer wieder hervorholen und dafür sensibilisieren, weil wir in den Bereichen Pflege und Pädagogik eine Schutzauftrag haben sowohl für die Kinder als auch für die Senioren.
Gleichzeitig schauen wir, wie wir entlasten können. Es ist immer schön zu sehen, wie die Belegschaft auch einrichtungsübergreifend an einem Strang zieht und Hand in Hand arbeitet, auch wenn es an anderer Stelle mal köchelt und die Nerven blank liegen, aber das gehört dazu. [...]

Das Fahrrad umkreist den Globus

Text: Elmar Schenkel & Foto: Huy Phan / Pexels

Während viele Menschen aus dem Westen mit sei es idealisierenden, sei es kolonialistischen Vorstellungen nach Asien gingen und gehen, gibt es auch den simplen Vorsatz, Asien schlicht geografisch zu bewältigen, ob mit Bahn, Bus, Auto oder Flugzeug, und dabei die Kulturen mehr als Beigabe mitzunehmen. Das war auch bei den ersten Weltumradlern der Fall. Das Fahrrad ist dabei von besonderem Interesse, weil es oft eine erste Kontaktaufnahme mit neuer Technik und damit einen Zusammenstoß von Zivilisationen ermöglichte. Als Jules Verne seinen Phileas Fogg mit Passepartout in achtzig Tagen per Schiff, Bahn und Elefant um die Erde jagte, bestieg der Amerikaner Thomas Stevens sein Hochrad und machte sich auf die erste Weltumradlung, die er sich von einer Radfahrzeitschrift finanzieren ließ, für die er seine „Blogs“ aus aller Welt schrieb. So radelte er durch die USA, Frankreich, an der Donau entlang, nach Istanbul und Teheran. Afghanistan erwies sich als großes Hindernis, und er musste Umwege über Russland und Pakistan suchen, um weiterzukommen. In China herrschte Ausländerfeindlichkeit, und er wurde als „fremder Teufel“ beschimpft, anders als in Japan, wo man ihn willkommen hieß. Sein abenteuerlicher Reisebericht „Around the World on a Bicycle“ (1887/8) wurde ein großer Erfolg. Er sollte weitere Abenteuer bestehen, so die Suche nach Henry Morton Stanley in Afrika, der wiederum Dr. Livingstone gesucht hatte. 1889 fand er den Verschollenen, der ihn begrüßte: „Sie sind doch Mr. Stevens, der um die Welt geradelt ist?“ Ein Jahr später finden wir ihn in Russland, wo er auf einem Mustang von Moskau bis zum Schwarzen Meer reitet und unterwegs Leo Tolstoi in Jasnaja Poljana besucht. Tolstoi begann einige Jahre später selbst mit dem Rad zu fahren. [...]