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Näher am Kind: Studierende fördern Schulkinder

Spätestens seit der Corona-Pandemie fehlt es in den Schulen an allen Ecken und Enden. Damit ist nicht nur der Personalmangel gemeint, sondern auch die Schlüsselkompetenzen vieler Schülerinnen und Schüler, z. B. in Mathematik und Deutsch. An dieser Stelle setzen mehrere Projekte der Universität Leipzig unter dem Namen „Praxis im Lehramtsstudium“ an. In Gesprächen mit der Leiterin des Programms, einer Studentin und einer Schulleiterin zeigt sich, dass die Arbeit für alle Beteiligten gewinnbringend ist.

Text: Sandy Feldbacher & Foto: Enrico Meyer

Ein Mittwoch, Ende November, 8.30 Uhr: Es ist bereits die zweite Kleingruppenförderung von Studentin Josefine Teichmann im Rahmen des Projekts „Universität nützt Schule“ (UnS) an diesem Tag. Sie kommt mit Usna und Sami aus einer 2. Klasse in einen kleinen Raum der Wilhelm-Wander-Schule in Leipzig Neustadt-Neuschönefeld. Hier werden u.a. Materialien für den Ethik- und Religionsunterricht gelagert. Vor dem Fenster steht die Heilig-Kreuz-Kirche, in der Mitte des Raums ein Tisch. Das Thema der Förderstunde ist die Uhrzeit. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt, die Kinder sprechen leise und lernen konzentriert. Josefine Teichmann kann individuell auf sie eingehen. Zuerst übt die angehende Lehrerin mündlich mit den beiden. Zu Sami sagt sie: „Das hat gut geklappt, du kannst ja mal versuchen, ob du das auch noch schaffst. Tschakka!“ Und nach der Übung stellt sie eine neue Aufgabe: „Jetzt möchte ich gern, dass ihr euch gegenseitig Aufgaben stellt.“ Sami zeigt Usna die Pappuhr mit einer Uhrzeit, die er eingestellt hat, und sie sagt sie an. Danach tauschen sie. Notfalls zählen sie entlang des Ziffernblatts. Und Josefine Teichmann fragt ergänzend: „Und was ist die zweite Uhrzeit zu 8 Uhr?“ Danach geht es darum, Uhrzeiten zu lesen, den entsprechenden Uhren auf einem Arbeitsblatt zuzuordnen sowie zu schreiben und in Uhren einzuzeichnen. Schließlich bringt die 23-Jährige Usna und Sami wieder in ihre Klasse.
„Universität nützt Schule“ (UnS) ist eines von drei Transferprojekten des Bereichs „Praxis im Lehramtsstudium“ am Zentrum für Lehrer:innenbildung und Schulforschung (ZLS) der Universität Leipzig. Seit dem Schuljahr 2020/21 unterstützen Studierende mit UnS im Rahmen von Ganztagsangeboten (GTA) Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen beim Abbau von (auch) pandemiebedingten Lernrückständen und der Festigung der Kernkompetenzen in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch. Auf diese Weise können die Studierenden Praxiserfahrungen im Unterrichten von Kleingruppen sammeln. Im aktuellen Schuljahr wurden 89 Projektschulen aus dem Leipziger Raum und 269 Studierende zusammengeführt, so dass 356 Plätze für individuelle Kleingruppenförderung vermittelt werden konnten. [...]

Bekannt wie ein „Bunter Hund“

Es ist ein schöner Mittwoch im Mai in Grünau. Auf dem Schoß einer kleinen, älteren Dame maunzt ein stattlicher Kater in seinem Transportkorb. Neben ihr sitzt ein junger Punker mit grünem Iro und streichelt beruhigend seinen Schäferhund. Alle vier warten gemeinsam mit anderen Patienten im Vorzimmer der Tierärztin Dr. Martina Menzel. Eine Streetworkerin bestätigt auf einer Liste die Anwesenheit mit einem Häkchen, und in den Unterhaltungen werden Tipps zur Haustierhaltung ausgetauscht. Das Wartezimmer ist nicht sehr groß, aber liebevoll eingerichtet. An einer Seite steht eine Waage für die Hunde und ein Napf zum Trinken. Der Raum ist gut durchgelüftet und riecht nach frisch gemähtem Gras. Punkt 12 Uhr öffnen sich die Türen und ich kann die Praxis betreten und im Wartezimmer Platz nehmen.

Text: Katrin Böhme/Redaktion EinDruck & Foto: Bunter Hund Leipzig e.V.

Die Dame mit ihrem Kater Noah fühlt sich hier willkommen und wertgeschätzt, so als ob sie sich nicht von „normalen“ Tierhaltern unterscheidet. Sie zeigt ihren Überweisungsschein für Noah, den andere Tierhalter nicht benötigen. Im Behandlungszimmer wird sie von einer Studentin mit einem Lächeln empfangen. Einfühlsam und mit vielen Streicheleinheiten untersucht sie das Tier – wiegt ihn, misst seine Temperatur und tastet die Organe ab. Als Wohnungskatze erhält er seine jährliche Impfung gegen Katzenschnupfen und eine Wurmbehandlung. Für Fragen, im Umgang mit dem Tier und der Ernährung nimmt sich die Ärztin Zeit. Eine Tablette für die Wurmbehandlung gibt es für zu Hause mit. Noah hat keine Angst vor der Tierärztin. Der Behandlungsraum ist gut gelüftet, strahlt Ruhe aus und wirkt auf Halter und Tier entspannend.

Die Praxis von Martina Menzel ist keine gewöhnliche Praxis und ihre Patienten und Tierhalter sind es einmal im Monat auch nicht, denn die Tierärztin engagiert sich beim „Bunten Hund“. Der Verein setzt sich für Tiere ein, deren Halter obdachlos, suchtkrank, psychisch krank oder bedürftig sind und sich somit keinen Tierarztbesuch leisten können. Er bietet eine kostenlose tierärztliche Grundversorgung an. Ein Streetworker oder Sozialarbeiter stellt einen Überweisungsschein aus und meldet das Tier mit seinem Besitzer an. [...]

An was wir uns erinnern

Unser Jahres-ABC

KRISE – was in diesem ablaufenden Jahr steht für Krieg, Rezession, Inflation, Sonnenglut und Energieknappheit. Was kommt noch? Ach ja, Corona war und ist ja auch wieder da. In schöner Regelmäßigkeit. Wie soll man da besinnliche Weihnachten mit Lichterglanz und geselligen Runden begehen? Wie will man da prostend und fröhlich ins neue Jahr rutschen? Zu viele Negativschlagzeilen schlagen aufs Gemüt. Da wird doch tastsächlich unsere WM-Elf in die Wüste geschickt. Nein! Von schlechten Nachrichten sollten wir uns nicht leiten lassen. Sonst hätten wir schon verloren. Ja, die Welt ist fragiler geworden. Aber sie hält auch Dinge bereit, die man aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten kann. Hier also unsere kleine Rückschau der etwas anderen Art.

Zusammenstellung/Text & Foto: Björn Wilda


A wie Asteroid – Die erste absichtlich herbeigeführte Kollision einer Raumsonde mit einem Asteroiden durch die NASA war ein Erfolg: Der Himmelskörper änderte seine Umlaufbahn, und im Ernstfall wäre die Erde gerettet. Wenn da nicht die Sache mit dem Klima wäre…

B wie Börsengang – Mit einem Ausgabepreis von 82,50 EUR ist Porsche Ende September an die Börse gegangen. Mit Speed innerhalb des VW-Imperiums. Hoffentlich am Ende nicht gegen die Wand.

C wie Chorsingen – Das Deutsche Chorfest fand diesmal Ende Mai in Leipzig statt. Rund 350 Chöre und Vokalensembles kamen zusammen. Von guter Musik konnte die Stadt schon immer ein Lied singen. Wenn es doch auch in manch anderen Bereichen so wäre…

D wie Doppelkonzert – Mit zwei Konzerten im Mai in der Red Bull Arena ließen es Rammstein ordentlich krachen. Mit Beihilfe von ganz oben. Gewitter begleiteten die Show, so dass manchmal schwer auszumachen war, ob‘s die Technik oder die Natur tat, die es blitzen ließ.

E wie Energiespartipps – Pfiffige Politiker wie Winfried Kretschmann & Co. versorgen uns doofes Volk immer wieder mit wertvollen Tipps, wie man Energie im Haushalt sparen kann. Oder hätten Sie gewusst, dass man das Heizungsventil möglichst zurückdrehen sollte, um Heizenergie zu sparen? Oder sich nur mit Waschlappen zu säubern, statt unter die Dusche zu gehen? Oder dass Teelichter nicht zum Heizen der Wohnung reichen? [...]

„Eine Wohnung bietet Schutz.“

Interview des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit den Straßenmagazinen

Herr Steinmeier, Sie haben im September zum Tag der Wohnungslosen Betroffene zu einem Empfang ins Schloss Bellevue eingeladen. In Einrichtungen der Obdachlosenhilfe sind Sie ein gern gesehener Gast, uns Straßenmagazinen schreiben Sie alljährlich ein Grußwort. Wieso ist Ihnen das Thema so wichtig?
Dass Menschen auf der Straße leben müssen, kein Obdach haben und oft zu wenige soziale Bindungen, das alles beschäftigt mich seit langer Zeit. Wohnungslose Menschen geraten im Alltag zu oft aus unserem Blickfeld und finden oft nicht die Solidarität, auf die sie angewiesen sind, um würdig leben zu können. Daher ist es mir wichtig, immer wieder auf die Lage der Ärmsten und Verwundbarsten aufmerksam zu machen. In unserem wohlhabenden Land dürfen wir es nicht hinnehmen, dass Menschen im Abseits unserer Gesellschaft in Not und Elend leben. Wir müssen ihnen helfen, zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden.

Wie wir werfen auch Sie immer wieder die Frage auf: „Warum kriegen wir das eigentlich in einer reichen Gesellschaft nicht in den Griff?“ Sie sind mehrfach Mitglied von Bundesregierungen gewesen. Wieso stand die Bekämpfung der Obdachlosigkeit da nie ernsthaft auf der Tagesordnung?
Wohnungslosigkeit ist zwar ein vielschichtiges, aber ein lösbares Problem. Wir haben zahlreiche Instrumente zur sozialen Absicherung geschaffen – zum Beispiel finanzielle Leistungen für Unterkunft und Heizung, um auch bei vorübergehender Mittellosigkeit das Wohnen in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Wenn Wohnungslosigkeit droht, können die Mietschulden übernommen werden. Das Mietrecht erschwert Kündigungen oder Räumungen. Dennoch gibt es Lücken im Hilfesystem, und nicht alle Hilfen kommen an. Hier sind Lösungen gefragt, und in den meisten Fällen können sie erfahrungsgemäß auch gefunden werden. Zum Beispiel jetzt mit der Wohngeldreform, mit der mehr Haushalte als bisher bei den Wohnkosten unterstützt werden. Wir leben in einer Zeit einer dreifachen Krise, wir haben Krieg in Europa, wir müssen das Klima schützen, und wir müssen die Folgen der Pandemie bewältigen. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass der Kampf gegen Wohnungslosigkeit aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung gerät. Dazu will ich als Bundespräsident beitragen.

Es ist inzwischen erklärtes Ziel von Europäischer Union und Bundesregierung, Obdach- und Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden. Was muss passieren, damit das nicht ein leeres Versprechen bleibt?
Wir müssen das Hilfesystem besser zugänglich machen und die betroffenen Menschen stärker dabei unterstützen, passende Angebote zu finden und zu nutzen. Außerdem müssen wir mehr Vorsorge treffen, damit Menschen ihre Wohnung erst gar nicht verlieren oder obdachlos werden. Dazu gehört eine engere Zusammenarbeit etwa zwischen Jobcentern und Krankenkassen. Sie müssen möglichst schon aktiv werden können, bevor jemand in Wohnungsnot zu geraten droht. Wir brauchen aber auch die Aufmerksamkeit in der Gesellschaft. Wir müssen hinschauen und notfalls Hilfe holen, wenn Nachbarn oder Bekannte in solche Schwierigkeiten geraten. Und natürlich brauchen wir mehr bezahlbaren und verfügbaren Wohnraum, wenn wir Wohnungslosigkeit bekämpfen wollen. Das gilt vor allem in den großen Städten und in den Ballungsräumen. [...]

Gemütlich miteinander

Es ist angenehm warm, wenn man aus der kühlen Novemberluft in die Tagespflegeeinrichtung der Volkssolidarität im Sozialzentrum „An den Gärten“ in Neulindenau kommt. Die Seniorinnen und Senioren hier sitzen alle um einen großen Tisch in der Mitte des Aufenthaltsraums und es duftet nach frischem Kaffee. Der wird gerade von der Mitarbeiterin Cornelia Kießling ausgeschenkt. Und auch die stellvertretende Pflegedienstleiterin Sigrun Dornheim kümmert sich zuvorkommend um die neun Tagesgäste. Der Tisch ist liebevoll mit selbstgebastelten herbstlichen Gestecken dekoriert. Bei so viel Wärme ist das Eis im Gespräch schnell gebrochen.

Text: Sandy Feldbacher & Foto: Enrico Meyer

„Wir vertragen uns alle gut“, stellt Eva Leutzsch (87) gleich zu Anfang klar. Und ihre Sitznachbarin Ella Göldner (89) pflichtet ihr bei: „Wir kennen uns alle, auch wenn wir nicht jeden Tag kommen, und sind alle gemütlich miteinander“. Beide Frauen besuchen die Einrichtung zweimal in der Woche wie auch fast alle anderen. Eva Leutzsch gefalle es hier sehr, und sie sei froh gewesen, als ihr Sohn arrangiert hatte, dass sie hierherkommen kann. Besonders lobt sie die Mitarbeiterinnen, deren freundliche Fürsorge und Engagement: „Wenn wir die nicht hätten, das wäre schlimm. Sie machen so viel für uns. Ich wünschte, das würden noch mehr ältere Menschen erfahren!“ Alle anderen Gäste am Tisch signalisieren ihre Zustimmung. Eva Leutzsch lebt allein, deshalb habe sich ihr Sohn, bevor sie bei der Tagespflege war, hin und wieder Sorgen gemacht, ob sie vielleicht Probleme haben könnte, den Alltag zu meistern. Seit einem Dreivierteljahr wisse er sie nun zumindest an zwei Tagen in der Woche gut aufgehoben.
Neben mir sitzt Hildegard Riedel (85), sie erzählt, wie der Tag bei der Tagespflege normalerweise abläuft: „Wir werden alle vom Fahrdienst abgeholt. Um 9 Uhr sind wir meistens hier. Wegen den vielen Baustellen kann es manchmal auch etwas später werden. Einen Kaffee kriegen wir aber immer als erstes. Danach liest unsere Betreuerin die Zeitung vor, auch die Horoskope, und dann machen wir gemeinsam das Kreuzworträtsel. Danach geht die Bastelstunde los. Unsere Betreuerinnen haben immer etwas anderes vorbereitet.“ Hildegard Riedel komme schon fast fünf Jahre in die Tagespflege und habe noch keinen Tag bereut. Die Zeit über das vergangene verlängerte Wochenende Ende Oktober allein zu Hause sei für sie schon ein bisschen langweilig gewesen. [...]