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Sprechen wir über Geld

„53 Euro sind ein Witz“

Umwelt-, Finanz- und Sozialverbände sowie Gewerkschaften haben sich zu einem Bündnis für den solidarischen Herbst zusammengeschlossen. Angesichts von Inflation, Preissteigerungen und Klimakrise ist der soziale Zusammenhalt und das Ende der fossilen Abhängigkeit das Gebot der Stunde. Höhepunkt war am 22. Oktober der Aktionstag mit Demos in sechs Großstädten (darunter in Dresden für Sachsen), angeschoben durch den Paritätischen im Bündnis mit Attac, BUND, Campact, Finanzwende, GEW, Greenpeace, ver.di und Volkssolidarität.

Über die Forderungen im solidarischen Herbst, über die klammen Kommunen und grundlegende Finanzwende sprachen wir mit Doreen Voigt, Regionalleiterin der Regionalgeschäftsstelle Leipzig- Stadt des Paritätischen Wohlfahrtsverbands LV Sachsen e.V.

Interview: Björn Wilda & Foto: Paritätischer


KiPPE: Frau Voigt, der Winter rückt immer näher und unsere Gesellschaft droht zu zerreißen. Versagt die Politik?

Doreen Voigt: Wir befinden uns in der Tat in einer angespannten Lage. Vom Versagen der Politik würde ich nicht pauschal sprechen. Die angestoßenen Hilfen sind allerdings wenig zielgenau und müssten viel stärker jene Menschen erreichen, die schon jetzt nicht mehr wissen, wie sie die steigenden Preise, Mieten und Energiekosten bezahlen sollen. Dass der sächsische Ministerpräsident nur nach Berlin zeigt und einen sächsischen Hilfsfonds ablehnt, ist allerdings mehr als fraglich. Kritisch sehen wir zudem das Zögern auf Bundesebene hinsichtlich einer finanz- und steuerpolitischen Wende.

Was sollte diese Wende beinhalten?

Wenn es um Hilfsmaßnahmen geht, kommt immer auch die Finanzierungsfrage auf den Tisch. Doch das ist in Deutschland eigentlich nicht das Thema, wenn wir sehen, welche großen Vermögen es in unserem Land gibt, die aber nur unzureichend besteuert werden. In einer Lage wie der jetzigen ist Solidarität gefragt. Wir brauchen eine Vermögenssteuer, und auch Erbschaften sollten stärker besteuert werden. Zudem würden durch den Abbau klimaschädlicher Subventionen notwenige Mittel frei werden, die dann für klimafreundliche Zukunftsinvestitionen genutzt werden könnten. Auch die Schuldenbremse ist zu diskutieren. [...]

Leipziger Gärten, Teil 7: Ein Garten für alle

Gärten haben immer eine gesellige Komponente – man trifft sich dort, hält ein Schwätzchen am Zaun und feiert Feste im Grünen. Geselligkeit wird auch im Salvia Bildungsgarten großgeschrieben. Dabei handelt es sich um eine soziale und ökologische Initiative, die 2019 mit dem Schwerpunkt Inklusion und Pädagogik vom Verein „gemeinsam grün“ ins Leben gerufen wurde. Seit April 2022 engagiert sich auch der aus Syrien stammende Verein DOZ mit seinem Projekt „Our Common Garden“ auf der Fläche in Engelsdorf. Er unterstützt die Initiative bei der Öffnung zum Gemeinschaftsgarten mit dem Hauptaugenmerk auf Interkulturalität. Auf diese Weise soll in Zukunft ein bunter, inklusiver und sicherer Garten für alle entstehen. Die KiPPE besuchte den Salvia Bildungsgarten im goldenen Oktober und wurde von Eddie Jahn herumgeführt.

Text: Sandy Feldbacher & Foto: Nikolas Fabian Kammerer


Eddie ist eigentlich Schlagzeuglehrer und arbeitete vor der Pandemie als Kindertischler in Leipziger Schulen und Kitas. Während der Lockdowns war das nicht möglich, und er verbrachte viel Zeit mit Gärtnern in einem Nachbarschaftsgarten in Leutzsch. Dort kam eine Freundin, die für das syrische Hilfsprojekt DOZ arbeitet, auf ihn zu und fragte ihn, ob er Lust hätte, sich in einem interkulturellen Austausch-Projekt zu engagieren. Diese vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ausgeschriebene Initiative konzentriere sich auf die Themen Ökologie, Urban Gardening und Nachhaltigkeit. „Da musste ich nicht lange darüber nachdenken“, erinnert sich Eddie. Ursprünglich sei der Gemeinschaftsgarten in Leutzsch als Standort anvisiert worden, dann stieß Eddie aber auf die bereits von „gemeinsam grün“ genutzte Fläche in Engelsdorf mit Sabine Roßberg. „Sie war gleich offen dafür, wir haben uns kennengelernt und darauf eingelassen. Es war für alle spontan und ein bisschen die Katze im Sack, aber bis jetzt läuft es großartig.“
Der Salvia Bildungsgarten erstreckt sich über 5000 Quadratmeter zwischen Paunsdorf Center und der S-Bahn-Haltestelle Leipzig-Engelsdorf. Hier wurden mehrere Kleingärten zusammengelegt, Zäune teilweise weggenommen, teilweise stehen sie noch zur Strukturierung. Die Intension der Betreiberinnen und Betreiber ist es, einen barrierefreien, inklusiven Bildungs- sowie interkulturellen Nachbarschaftsgarten zu schaffen. „Inklusiv heißt für alle“, erklärt Eddie, „das muss man nicht nochmal definieren, das sollte normal sein, wir sind alle Menschen.“ [...]

Das Spielmobilprojekt der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V.

„Große leuchtende Kinderaugen“ sind für Oliver Schönberner einer der Hauptgründe, warum er seine Arbeit so sehr liebt. Enthusiastisch und offenkundig berichtet er von seiner langjährigen Arbeit als Leiter des Spielmobilteams der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. in Zusammenarbeit mit der Kulturwerkstatt KAOS.

Text & Foto: Sandy Seyfert / Redaktion EinDruck

Das Vereinsgelände in der Wasserstraße 18 in Leipzig-Lindenau wirkt wie eine kleine Oase innerhalb der aufgeweckten Messestadt. Zwischen idyllischen Kleingärten hindurch gelangt man am Ende der Straße zu einer beschaulichen Villa. Durchschreitet man das große Metalltor, steht man vor einem großen bunten Wegweiser. Ein kleiner See umrahmt das Anwesen und gibt den Besuchern die Möglichkeit, Enten zu beobachten oder einfach entspannt die Natur zu genießen und dabei vom alltäglichen Großstadttrubel abzuschalten. Liebevoll angelegte Rundwege, der Duft vieler bunter Blumen und das ausgelassene Vogelgezwitscher runden die Atmosphäre harmonisch ab.
An diesem selbst geschaffenen Wohlfühlort liegt viel positive Energie in der Luft, die hier tatkräftig genutzt und umgewandelt wird. Die Spielmobilarbeit steht deutschlandweit für Spiel, Spaß und Sport im Freien und ist sehr beliebt bei Familien aller Gesellschaftsschichten. In Leipzig befahren die Spielmobile „Peter Pan“ und „Kaos“ mit jeweils zwei pädagogischen Mitarbeitern rund ums Jahr die ausgewählten Einsatzorte.

Auf die Plätze – fertig – los!

In sieben Leipziger Stadtteilen werden nachmittags regelmäßig von Montag bis Donnerstag verschiedene Aktivitäten angeboten. Entsprechend der aktuellen Wetterverhältnisse variiert das Spielzeugangebot in den beiden Transportern ständig und bietet jedem mit insgesamt 320 Spielen und Sportgeräten eine interessante Beschäftigung. Immer mit dabei sind allerhand Fahrzeuge, ein Trampolin, Tischhockey und verschiedene Gesellschaftsspiele. Die mobilen spielpädagogischen Angebote machen Wiesen und Parkanlagen zum Raum für Spiel, Kommunikation und Interaktion für Groß und Klein. „Wir sind erst vor Kurzem hergezogen. Für meine Tochter war das eine tolle Möglichkeit, Kinder aus der Umgebung kennenzulernen. Sie hat sich hier schnell öffnen können. Durch die netten Betreuer und das unbeschwerte Beisammensein fühlt man sich wirklich willkommen“, berichtet eine der anwesenden Mütter. [...]

Zauber des Augenblicks

„Drum hab ich mich der Magie ergeben“
Ein Blick in Leipzigs Zauberbücher

Was ist Magie? Die Frage scheint auf den ersten Blick einfach zu beantworten: Magie ist geheimes Wissen, mit dessen Hilfe sich Natur und Mensch beeinflussen lassen. Natürlich, sofern man die notwendigen rituellen Handlungen genauestens ausführt, die richtigen Hilfsmittel einsetzt und die korrekten Worte spricht. Magie kann Unheil bannen (u.a. in Form von Amuletten) und Ordnung stiften. Magie kann aber auch Schaden bewirken, sodass Kühe keine Milch mehr geben, die Liebe in einem Menschen versiegt oder das Wetter plötzlich Kapriolen schlägt. Magie macht vieles möglich – ob in früherer Zeit real geglaubt oder aber in unserer Fantasie, nicht umsonst sind wir fasziniert von Harry Potter, Gandalf & Co. oder lassen uns gern von Zaubershows ins Reich der Illusionen führen. Vielleicht ist am Ende ja doch nicht alles bloß Schall und Rauch?

Text: Constance Timm


Ob Segenssprüche, das Entzünden von Geburtstagskerzen oder der Glücksbringer auf Reisen, noch heute, moderne Zeiten hin oder her, sind wir von Magie umgeben, auch wenn wir sie nicht als solche bezeichnen, sie gar transformiert haben – von der Wort-, Sprach- und Alltagsmagie in den Bereich der Technik, die zunehmend den Part des „Magischen“ bestimmt.

Magie ist Teil des Menschen und der Mensch ist Teil der Magie. So ist es auch kein Wunder, dass sie über das Geheimnisvolle und bei ihren jeweiligen Zeitgenossen oftmals auch über das Furchterregende hinaus als Inspiration für Wissenschaft, Kunst und Literatur gedient hat. Magie, das ist der erhoffte Blick hinter den Schleier, das „Mehr“, das man nicht benennen kann. Für Goethes Faust, der am Wissen oder durch das Wissen verzweifelt, scheint sie die einzig logische Lösung zu sein, um am Ende zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Ähnlich mögen vielleicht auch die anonymen Verfasser jener Zauberbücher oder besser Zaubermanuskripte gedacht haben, die als „Leipziger Magica-Sammlung“ bekannt ist und sich seit 1962 in der Universitätsbibliothek Leipzig befindet. Hierbei handelt es sich um die europaweit größte Sammlung von ritual-magischen Texten der Frühaufklärung in einer öffentlichen Bibliothek überhaupt. Vormals gehörten die Texte der Leipziger Ratsbibliothek, wobei nicht abschließend geklärt ist, durch welche Hände sie zuvor gewandert sind. [...]

Das System auf den Kopf stellen

Finnland macht dem Rest der Welt vor, wie Obdachlosigkeit beendet werden kann. Ortsbesuch in Helsinki. Eine Reportage, freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt.

Text: Lukas Gilbert & Foto: Katja Tähjä


Viljo ist erschöpft. Gerade erst ist der schlanke 40-Jährige, der sein grünes Basecap tief ins Gesicht gezogen trägt, von einem Ausflug auf eine der Inseln vor der Küste Helsinkis zurückgekommen. Sein Vermieter, die Blue Ribbon Foundation, betreibt dort ein Haus mit Sauna, Grillplatz und Booten. Viljo und die anderen Mieter/innen können die Angebote nutzen – und tun das vor allem während des lange herbeigesehnten finnischen Sommers. Jetzt macht es sich der Ex-Wohnungslose in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung gemütlich, wo eine US-amerikanische Sitcom über den Fernseher flimmert.

Viljo ist einer von rund 1000 ehemals Wohnungslosen, die ein Zuhause in einer der Wohnungen der Blue Ribbon Foundation in Helsinki gefunden haben. Seit 2007 bietet die Organisation Wohnungen für Menschen ohne Zuhause an und ist damit wichtiger Teil der finnischen Housing-First-Strategie. Die simple Idee dahinter: Wohnungslose brauchen als erstes eine eigene Wohnung – weil Wohnen ein Menschenrecht ist, aber auch, weil sich viele Probleme erst in den eigenen vier Wänden lösen lassen. Hilfe mit Ämtern, vielleicht auch bei der Bewältigung von Suchterkrankungen: All das kommt nach dem Einzug. Wenn die Betroffenen das wollen.

Das Prinzip stellt das lange auch in Finnland praktizierte Stufenmodell auf den Kopf. Danach müssen Obdachlose zunächst in verschiedenen Arten von Unterkünften ihre sogenannte Wohnfähigkeit unter Beweis stellen. Erst auf der letzten Stufe wartet ein eigenes Zuhause. In Finnland wartet es nun auf der ersten. [...]