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Was für ein verrücktes Jahr!

Unser Jahres-ABC 2020

Wie soll man das abgelaufene Jahr nennen? Ist es das C-Jahr gewesen? Geht es im nächsten Jahr damit weiter? Fakt ist: Corona hat das Weltgeschehen bestimmt. Es war geprägt von Sorgen und Ängsten, von Isolation und Irritation – aber auch von Hoffnungen, Solidarität und Einsichten. Letzteres jedoch hatten nicht alle. Das fing in einigen Ländern schon ganz „oben“ an, wenn man z. B. bedenkt, dass ein völlig durchgeknallter Präsident seine ganze Nation abknutschen wollte. Und Verschwörungstheorien bei Uneinsichtigen bzw. Verweigerern warteten mit abstrusesten Erklärungen auf. Doch hatte dieses Jahr, das wir alle nicht so schnell vergessen werden, nicht noch anderes zu bieten? Schau‘n wir mal rein.

Zusammenstellung: Björn Wilda & Foto: Pixabay


A wie Ausstieg – Prinz Harry und Herzogin Meghan haben ihre royalen Pflichten abgegeben und wollen finanziell unabhängig in Kanada leben. Viele User sahen sich genötigt, im Netz diesen Abgang Meghan in die Schuhe zu schieben („Die Hexe bekommt, was sie will…“). Klar, wie so oft: Für die Trennung der Beatles soll ja mit Yoko Ono ebenfalls eine Frau Schuld gewesen sein. Ach, die armen Männer …

B wie Bußgelder – In Deutschland trat eine neue Straßenverkehrsordnung in Kraft. Sie enthält höhere Bußgelder für Raser, aber zum Beispiel auch für das leidige Blockieren von Radwegen. Dann sollten einige Regelungen wieder entschärft werden, um laut Verkehrsministerium das „Gerechtigkeitsempfinden“ bei den Bürgern wieder herzustellen. Für Raser und Rüpel kann das nur gerecht sein.

C wie Cor … – Nein, es reicht! Das lassen wir mal an dieser Stelle.

D wie Dammbruch – Mit Stimmen von der AfD ist Thomas Kemmerich (FDP) Ministerpräsident von Thüringen geworden. Dammbruch ist das Wort jener Tage. Proteste von allen Seiten zwangen Kemmerich zum Rückzug: Dann Chaos, Possen, Ratlosigkeit, die sich auf die Bundespolitik übertrugen: AKK trat zurück, Mohring trat zurück, Lindner wankte, Leberknecht wollte nicht. Und das Volk kann nicht – irgendwann mehr hinsehen.

E wie Eröffnung – Am 31. Oktober (Datum bitte gaaanz dick einrahmen) öffnete das Terminal 1 des Flughafens Berlin Brandenburg BER. Echt? Wirklich! Sollte eigentlich schon vor neun Jahren passiert sein. Kann nun aber sein, dass der Airport wieder veraltet ist. Also doch lieber abreißen? [...]

Rechtsextremismus & Sozialchauvinismus

Wohnungslose Menschen werden häufig zu Zielen politischer Gewalt

In der letzten Ausgabe der KiPPE berichteten wir bereits von der Verfolgung wohnungsloser Menschen während der NS-Zeit. Auch heute gibt es diskriminierendes Verhalten gegen Wohnungslose aus der politischen Rechten, dieses beruht auf der Annahme der Unterlegenheit dieser Menschen aufgrund ihres sozialen Status. Solche Diskriminierungsformen werden bspw. als Sozialdarwinismus oder Sozialchauvinismus bezeichnet.

Text: Simon Stöckle & Foto: Pexels


Das für die Leistungsgesellschaft typische Verwertungsdenken macht manchen Gruppen zum Vorwurf, dass sie auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen sind. Dies betrifft nicht nur Wohnungslose, sondern z. B. auch Arbeitslose oder Menschen mit Behinderung. Dabei lassen solche Vorwürfe außer Acht, dass nicht alle Menschen die gleichen Voraussetzungen mitbringen, um sich im Arbeitsmarkt zu behaupten. Stattdessen werden Menschen als „Schmarotzer“ abgewertet und ihre Hilfsbedürftigkeit als Folge charakterlicher Schwäche umgedeutet. Außerdem wird ausgeblendet, dass eine konkurrenzbasierte Wirtschaftsform zwangsläufig auch Verlierer/innen hervorbringt.

Das Projekt chronik.LE dokumentiert neonazistische und rassistische Angriffe in Leipzig und Umgebung (siehe Vereinssteckbrief S. 15). Es listet für die Nachwendezeit mindestens zwei Fälle, in denen solche Gewalt zum Tod von wohnungslosen Menschen in Leipzig führte: 1995 starb Horst K., nachdem zwei jugendliche Täter seine Jacke während einer Straßenbahnfahrt anzündeten. Karl-Heinz T. nächtigte im Sommer 2008 auf einer Parkbank am Schwanenteich neben der Oper, als er wiederholt von einem jungen Neonazi geprügelt wurde. Einige Tage später erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Ein weiterer Todesfall ereignete sich im Jahr 2002, als Christel G. von einem Neonazi erstochen wurde. Sie stellte sich diesem in den Weg, als er einen jungen Wohnungslosen angriff. Widersprüchliche Schilderungen des Tathergangs erschweren hier eine abschließende Einordnung, jedoch wurde auch in diesem Fall der Täter der Neonazi-Szene zugeordnet. Natürlich gibt es auch Angriffe ohne Todesfolge. chronik.LE dokumentierte beispielsweise einen Vorfall, bei dem ein Wohnungsloser mit Böllern beworfen wurde. Solche Vorfälle bekommen in der Regel wenig Aufmerksamkeit und werden meist nicht zur Anzeige gebracht. [...]

Wie Leipzig Kinderarmut bekämpft

Anknüpfend an die Produktion „WUTSCHWEIGER“, ein Stück über Kinderarmut (die KiPPE berichtete), wollte das Theater der Jungen Welt eigentlich eine Konferenz zum Thema veranstalten. Coronabedingt musste der „Mutmacher!“ jedoch auf 2021 verschoben werden. Immerhin konnte wenigstens am 9. November eine digitale Podiumsdiskussion unter dem Titel „Aufwachsen in Armut – eine drängende Frage in Leipzig“ als Livestream im Internet stattfinden. Denn das Thema Kinderarmut ist gerade in der Pandemie von besonderer Wichtigkeit, da diese auf die Schwachpunkte der Gesellschaft wie ein Katalysator wirke, so Moderatorin Britta Veltzke.

Text: Sandy Feldbacher


Auf jenem digitalen Podium saßen Leipzigs neue Jugend- und Schul-Bürgermeisterin Vicki Felthaus, Prof. Dr. Heike Förster (Soziologin, HTWK Leipzig), Susann Pruchnik (Sozialpädagogin, Leipziger Kinder- und Jugendbüro) sowie Roman Schulz (Pressesprecher, Landesamt für Schule und Bildung). Begrüßt wurden die Gäste von der neuen Intendantin des Theaters der Jungen Welt, Winnie Karnofka. Grafisch dokumentiert wurde die Diskussion zudem von der Leipziger Zeichnerin Johanna Benz.
„Welche Kinder sind arm?“ wollte Moderatorin Britta Veltzke zu Beginn von Wissenschaftlerin Heike Förster wissen. Laut offizieller Definition würden Kinder als arm bezeichnet, die in einem Haushalt leben, dessen Einkommen 60 Prozent oder weniger des Nettoäquivalenzeinkommens beträgt. Doch gebe es nicht nur finanzielle Armut, sondern auch Unterversorgungen in verschiedenen anderen Bereichen – wie etwa Ernährung, Bildung, Wohnen, gesundheitliche Versorgung, emotionale Zuwendung. Letztere würde auch nicht selten in finanziell besser gestellten Familien fehlen, doch sei dies ein Thema, worüber kaum jemand rede.
Vicki Felthaus wies darauf hin, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die in Leipzig in Armut leben, in den letzten Jahren zurückgegangen sei. Derzeit liege der Wert bei 17,2 %. Das hänge mit der insgesamt positiven Entwicklung der Stadt zusammen, auch hinsichtlich der Durchschnittseinkommen. Auf der anderen Seite sei in den vergangenen fünf, sechs Jahren eine verschärfte Segregation zu beobachten gewesen: Das heißt, in bestimmten Stadtteilen konzentriere sich inzwischen der günstige Wohnraum, wodurch dort auch die Problemlagen zunehmen. Eine Entmischung von Stadtteilen soll deshalb seitens der Kommune gefördert werden. [...]

Kaufen, Kaufen...

Die Macht der Shopping Kings und Queens?

Übermäßiger Konsum ist schlecht für Umwelt und Menschen, das haben Studien längst nachgewiesen. Doch haben es Verbraucher/innen allein durch eine nachhaltigere Lebensweise selbst in der Hand, Klima und Menschheit zu retten? Warum können wir uns Konsum nur schwer entziehen und welche Alternativen haben wir überhaupt? Ein Streifzug durch die Geschichte, Psychologie und Sozialtheorie des Gütererwerbs.

Text: Sandy Feldbacher & Foto: Pexels


30 Jahre Wiedervereinigung: Dieses Jubiläum bedeutet für die Ostdeutschen auch drei Jahrzehnte mit Kapitalismus und dementsprechendem Konsum. Der Wunsch nach einer größeren Produktpalette im Ladenregal war neben jenen nach Reisefreiheit, freien Wahlen und einem dritten Weg zwischen real existierendem Sozialismus und Kapitalismus eine wichtige Triebkraft der Ereignisse ab Herbst 1989. Letztlich mündeten sie im Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Planwirtschaft und Staatsbesitz waren offenbar gescheitert, deshalb wurde der wohlstandversprechende Kapitalismus von vielen DDR-Bürger/innen begrüßt. Hat es die Menschen zufriedener gemacht? Wohl kaum. Der Preis für den Anschluss an die BRD war höher als erwartet: Ausverkauf, Fabrikschließungen, Arbeitslosigkeit, bis heute ein vergleichsweise niedriges Lohnniveau. Dies kann durch die Erfüllung von Statusbedürfnissen sicher nicht aufgewogen werden.
Psychologe und Psychoanalytiker Dr. Jakob Müller ordnet in seinem Podcast „Rätsel des Unbewussten“ Konsum heute wie folgt ein: Durch die Erosion traditioneller sozialer Bindungen, gesellschaftlicher Rituale und stabiler Lebensläufe, die als soziale Stabilisatoren fungierten, hätte sich eine Gesellschaft vereinzelter Personen und Gruppen in rastloser Konkurrenz und im Kampf um Anerkennung entwickelt. Soll heißen: Aus sozialen Wesen sind Einzelkämpfer geworden. Dieser Kontext böte viele Gelegenheiten, das psychische Gleichgewicht zu verlieren, und keine Spielräume, um Krisen abzufedern. Konsum funktioniere ersatzweise als der psychische Stabilisator unserer Zeit, der letztlich aber nicht das ersetzen könne, was eine sinnvolle soziale Integration ist. [...]

„… in einer abgefuckten Zeit“

Buchrezension

Text: Björn Wilda


Clausnitz, ein 870-Seelen-Ort im Erzgebirgischen nahe der tschechischen Grenze. Eigentlich nichts Auffälliges an diesem Nest. Wenn da nicht der 18. Februar 2016 gewesen wäre. Am Abend jenes Tages tobte ein wütender, hasserfüllter Mob von bis zu hundert Leuten vor einem Bus mit 15 ankommenden Flüchtlingen. Das Gebrüll verängstigte die Insassen derart, dass sie sich stundenlang lang nicht aus dem Bus trauten. Schließlich mussten Polizisten sie in ihre neue Unterkunft im Ort tragen. Nur wenige hatten den verbalen Angriff auf die Flüchtlinge verurteilt, die meisten – so auch der Leiter der Unterkunft und AfD-Mitglied – verharmlosten das Geschehene.

Jene Ereignisse sowie die eigenen Erfahrungen während seiner über dreijährigen Tätigkeit als Flüchtlingssozialarbeiter nahm Autor Sebastian Caspar zum Anlass, mit „09236 Clausnitz“ sein viertes Buch vorzulegen. Der Ort selbst taucht im Roman nie auf, steht aber wie ein Menetekel über dem Inhalt.
Protagonistin ist Svea, eine Frau Mitte 30, Sozialarbeiterin, die sich mit ihren Kollegen Christian und Rafik, einem Migranten, um Flüchtlinge und Asylbewerber in einer mittleren Stadt kümmert. Sie besorgen Unterkünfte, füllen Anträge aus, begleiten zu Behörden, vermitteln. Svea empfindet ihren Alltag als eintönig und trostlos. Angesichts der Flut von Bürokratie, der Anfeindungen durch „Wutbürger“, des unverhohlen abschätzigen Auftretens durch Heimleiter Röhm (!) und der Schicksale der ihr Anvertrauten wie etwa Amina aus Inguschetien machen sie frustriert, illusionslos und treiben sie zu wiederholten Selbstverletzungen. Auch ihre Beziehung zu „M“ steht unter keinem guten Stern, wenn man überhaupt von einer Beziehung sprechen kann. Als Leser gibt sie mir ohnehin Rätsel auf. In der Figur des Kollegen Christian wiederum präsentiert der Autor einen Mitstreiter Sveas, der zwar mitzieht, aber trotzdem Zweifel hegt am Sinn ihrer Arbeit. Er führt hierbei beispielsweise Missbrauch von Sozialleistungen, Kleinkriminalität, Passivität, „Geschlechterapartheid“ oder Belästigungen unter bzw. durch Migranten ins Feld. Damit wird die ganze Komplexität zum Thema Flucht bzw. Migration in unserer Gesellschaft sowie die Einstellung darüber sichtbar – und es ist legitim, darüber zu schreiben. [...]