logo2016

Die spannendste Zeit in der Biografie eines Menschen

Julia Zejn, Jahrgang 1985, lebt und arbeitet als freiberufliche Illustratorin in Leipzig. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Zeichnen von Comics. Nach diversen Kurzgeschichten erschien 2018 ihr Buch „Drei Wege“. Die KiPPE hat mit Julia über ihre erste große Veröffentlichung und ihr neues Projekt gesprochen.

Interview: Sabina Schwarzenberg & Foto: privat


KiPPE: Bitte stell dich kurz mit deinen eigenen Worten vor.
Julia Zejn: Ich bin Comiczeichnerin und Illustratorin. Meine große Leidenschaft ist es, über das Medium Comic zu erzählen. 2018 erschien meine erste Geschichte, die Grafiknovelle „Drei Wege“. Darin beschreibe ich anhand von drei Frauen, wie unterschiedlich das Aufwachsen zu verschiedenen Zeiten und innerhalb unterschiedlicher Schichten in Deutschland ist. Aktuell arbeite ich an meinem zweiten Buch, welches voraussichtlich im Herbst 2021 erscheinen wird.

Wie bist du dazu gekommen?
Es ist wahrscheinlich die langweiligste Antwort überhaupt. Ich habe schon als Kind gern und viel gezeichnet und Geschichten gelesen. Es hat dann eine Weile gebraucht, bis ich zum Comic kam: Zuerst studierte ich Kommunikationsdesign und habe mich vor allem mit Animationsfilmen beschäftigt. Jedoch merkte ich nach und nach, dass es mir zwar sehr viel Spaß macht, szenisch zu denken, sich jedoch die Lust an Animationsprogrammen in Grenzen hielt. Zudem braucht man auch Sprecher und Musiker, sofern man einen Film mit Dialog und Soundtrack machen möchte. Deswegen widmete ich mich mehr und mehr dem Zeichnen von Geschichten in Bildern. Das war die Grundlage für meine Liebe zum Comic. Ich konnte weiter szenisch arbeiten, ohne mich mit den Programmen auseinandersetzen zu müssen.

Wann und wie hast du damit angefangen?
Ich hatte während und nach dem Studium immer den Drang, eigene Geschichten zu erzählen und nicht nur Auftragsarbeiten zu machen. Nach einem gescheiterten Kurzfilmprojekt nahm ich mir vor, eine eigene Grafiknovelle zu zeichnen und zu schreiben. Zu der Zeit arbeitete ich an mehreren Kurzcomics, nahm an Workshops teil und merkte nach und nach, wie sehr ich es mag, über das Medium zu erzählen. [...]

Quo vadis, Leipzig?

Ist es schon zu spät?
Gewalt ist keine Lösung – Leerstand auch nicht

Connewitz wieder einmal. Es brennen Autos, Müllcontainer und Barrikaden, es fliegen Steine und Feuerwerkskörper. Gewalt und Gegengewalt als Mittel der Auseinandersetzung? Dabei geht es nicht mehr nur um Connewitz, vielmehr werfen die Ereignisse in diesem Stadtteil ein Licht auf ein Problem, dass ganz Leipzig längst erfasst hat, aber lange verdrängt wurde: steigende Mieten, immer weniger bezahlbares Wohnen. Es geht darum, statt ständiger Konfrontationen den Kontakt zu suchen, sich überwinden und aufeinander zugehen.

Text & Foto: Björn Wilda


Der Bart ist ab, die Lage ernst: Leipzigs OB Burkhard Jung (SPD) hatte auf einer Pressekonferenz Anfang September Stellung genommen zu den Krawallen in Connewitz, die im Zusammenhang standen mit denen in der Ludwigstraße im Leipziger Osten. Auslöser dort waren die Besetzung eines leerstehenden Hauses und die anschließende Räumung durch Einsatzkräfte der Polizei gewesen. In Connewitz hatten sich die Ereignisse an die Räumung eines besetzten Hauses in der Bornaischen Straße entzündet. Was betroffen macht, ist die Eskalation von Hass, Intoleranz und blinder Wut durch gewaltbereite Linksextremisten, denen es auf eine einvernehmliche Lösung gar nicht ankommt. Damit fallen sie jenen Vertreter-Innen in den Rücken, die auf friedlichem Wege Forderungen stellen und etwas bewirken wollen.

Was nichts daran ändert, dass die Probleme schon lange auf dem Tisch liegen. Der Stadt sei das durchaus bewusst, und deshalb sei es „Unsinn“, so der OB weiter, dass die Stadt durch gewalttätige Aktionen auf die Probleme am Wohnungsmarkt hingewiesen werden müsse. „Die Angebotsmieten für freie Wohnungen in Connewitz sind seit 2013 um über 40 Prozent gestiegen“, gab Burkhard Jung an. Der neue City-Report des Immobilienspezialisten BNP Paribas Real Estate spricht konkret von 48 Prozent – der stärkste Anstieg von allen Leipziger Stadtteilen! Dahinter stehen aktuell im hochpreisigen Bereich und bei Neubauten Mieten von bis zu 15 Euro pro Quadratmeter.

Ausgeführte Projekte bzw. Bauvorhaben wie die Parkresidenz An der Mühlholzgasse mit 23 Eigentumswohnungen, vier Häuser mit insgesamt 110 Wohnungen an der Leopold-/Ecke Wolfgang-Heinz-Straße, die Thalysia-Höfe an der Scheffelstraße mit 220 Neubauwohnungen oder das Südcarré mit 40 Eigentumswohnungen an der Wolfgang-Heinze-Straße zeugen von einem rasanten Wandel der jüngsten Zeit in diesem Stadtteil. Längst hat auch hier die Gentrifizierung eingesetzt. Verdichtung bzw. teure Sanierung, wie sie ebenso in vielen anderen Stadtteilen wie etwa Zentrum-West, Zentrum-Ost oder Reudnitz stattfinden, treiben die Angebotsmieten natürlich nach oben. Alteingesessene, Geringverdienende und Alternative fühlen sich längst verdrängt. Wie also soll es in Connewitz und anderswo weitergehen, ohne dass Gewalt die einzige Antwort ist? „Wir suchen das Gespräch“, so der OB. Das sollte schon längst stattgefunden haben, wurde dann aus verschiedenen Gründen immer wieder verschoben. Zuletzt musste Corona herhalten. Als ob Connewitz erst jetzt das Problem wäre. Und nun scheint es schon fast zu spät zu sein. [...]

„Sprecht die Obdachlosen an!“

Die KiPPE trifft Sandra, Kay und Billy von TiMMi ToHelp in ihrem mit haltbaren Lebensmitteln und Hygieneprodukten vollgestopften Büro am Dittrichring. Der Verein unterstützt wohnungs- und obdachlose Menschen, macht auf deren Probleme aufmerksam und schafft Begegnungen. Zentrales Element seiner Arbeit ist einmal wöchentlich eine Tour durch die Leipziger Innenstadt zum Verteilen von Essenspenden, Hygieneartikeln und Infomaterial an Bedürftige. Sandra, die eigentlich an der Uni Halle arbeitet, ist im Verein derzeit für die „Laufarbeit“ zuständig, d.h. einkaufen gehen und Spenden, wenn nötig, abholen. Kay und Billy kümmern sich gemeinsam um die Webseite, entwerfen Flyer sowie Designs. Zusätzlich ist Kay, der gerade eine Ausbildung zum Mediengestalter macht, für Spendenakquise, Koordination der Ehrenamtlichen und Kooperationen zuständig.

Interview: M. Arendt und S. Feldbacher & Foto: ©TiMMi ToHelp e.V.


KiPPE: Wie ist es euch in den letzten Monaten ergangen und wie ist eure aktuelle Situation?
Sandra: In den letzten Monaten war alles etwas chaotisch, weil wir aufgrund von Corona vieles umdisponieren und uns neue Strukturen überlegen mussten. Teilweise sind die Angebote in Leipzig weggefallen, unsere Tour fand zwar ununterbrochen statt, aber in abgespeckter Version. Während des Lockdowns gab es viele Geldspenden, aber relativ wenig Sachspenden, weil die Menschen größtenteils dringeblieben sind. Sonst ist das andersrum, und wir mussten unsere Arbeit daran anpassen.
Kay: Momentan sind wir wieder auf dem Stand von vorher. Natürlich ist das Hygienekonzept dazugekommen. Mit manchen Regelungen, wie der genaueren Arbeitseinteilung der Ehrenamtlichen, sind wir sogar noch besser aufgestellt. Während Corona war alles sehr eng gehalten – nur zwei Leute durften auf unserer Versorgungsrunde mitlaufen und alles managen plus die ganzen Hygienebestimmungen einhalten. Auch für unsere Klienten war das eine schwierige Zeit: Von einem Tag auf den anderen war für sie fast alles weggebrochen – die Hilfseinrichtungen hatten geschlossen, die Leute konnten sich nirgends waschen, die Grundversorgung ist weggefallen, und fast alle Organisationen und Vereine waren plötzlich nur noch telefonisch erreichbar. Allerdings haben viele unserer Klienten kein Handy. Das hat uns vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Also haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um Handys, Prepaid-Karten und Lebensmittelgutscheine kaufen zu können.

Hat die schnell eröffnete zweite Notunterkunft für Männer in der Torgauer Straße die Lage der Betroffenen entlastet?
Kay: Sie wurde zunächst zögerlich, aber von einigen sehr gern genutzt, andere haben es vorgezogen, draußen zu bleiben. So eine Notunterkunft löst nicht alle Probleme der Betroffenen.

In welcher Situation sind die Leute, mit denen ihr zu tun habt?
Kay: Überwiegend sind das obdachlose Menschen, die im Bereich um den Bahnhof übernachten, aber auch Wohnungslose und Leute mit Wohnung, aber zu wenig Geld – das ist sehr bunt gemischt. Wenn jemand kommt und sagt „ich habe Hunger“, werden wir ihn nicht abweisen.
Wir haben mehr Männer als Frauen draußen, das merkt man an den Beständen, die wir haben: Herrenunterwäsche ist immer sofort weg, Damenunterwäsche stapelt sich dagegen ein wenig, genau wie die Damenhygienesachen. Es gibt viele unterschiedliche Nationalitäten, und altersmäßig geht es bei Anfang 20 los bis über 60 und zwischendrin breit gestreut. [...]

Leipzig ABSEITS

Bereits zum zweiten Mal nahm die KiPPE an einem von Diakonie und Caritas organisierten Stadtrundgang zur Wohnungslosigkeit in Leipzig teil. Unter anderem mit Blick auf die Covid19-Pandemie gab es auf der Route durch die Stadt viel zu erfahren.

Text & Foto: Sandy Feldbacher


Teekeller Quelle
Treff- und Startpunkt des etwas anderen Stadtrundgangs an einem Samstagnachmittag Anfang September ist erneut der Teekeller Quelle in der Michaeliskirche. Dieser gilt passenderweise, wie Sozialarbeiterin Gerit Schleusener erklärt, als Ursprungsort des Wohnungslosenhilfesystems in Leipzig. Zur Begrüßung erzählen Lucia Henneke vom Fachdienst Gemeindecaritas und Marie Felicitas Busch von der KirchenBezirksSozialarbeit der Diakonie Leipzig, wie sehr es ihnen am Herzen liegt, dem sichtbarer werdenden Thema Obdach- und Wohnungslosigkeit in Leipzig Raum zu geben. Betroffene sollen dadurch ein Sprachrohr erhalten, ohne vorgeführt zu werden. Vielmehr sei es der Wunsch, Begegnungen zu schaffen. Deshalb sind beim Rundgang auch zwei wohnungslose Menschen dabei, die den Fragen der interessierten Teilnehmenden Rede und Antwort stehen.
Der Teekeller ist ein offener Treff für Menschen in sozialen Schwierigkeiten. Seit 2019 und insbesondere seit der Corona-Pandemie habe sich, wie Gerit Schleusener berichtet, die aufsuchende Hilfe des Teekellers stark entwickelt: Ehrenamtliche verteilen derzeit mittwochs und sonntags Lebensmittel und Hygieneartikel an Obdachlose im Bahnhofsumfeld, und ein Arzt aus der Michaelis-Friedens-Kirchgemeinde versorgt die Kranken unter ihnen einmal pro Woche. Im Teekeller selbst dürfen sich nach der pandemiebedingten Schließung mittlerweile wieder maximal zehn Personen aufhalten, zeitlich getaktet essen sowie an den regelmäßigen Impulsabenden teilnehmen. Zusätzlich werden dienstags und donnerstags ab 18 Uhr Brötchen aus dem Fenster nach draußen verteilt.

Punkwerxxkammer
Nächste Station ist die Punkwerxxkammer in der Berliner Straße. Hier – in einer alten Autowerkstatt – leben aktuell acht ehemals obdachlose Jugendliche und jung Gebliebene, die sich als Verein selbst organisieren, um von Wohnungslosigkeit Betroffenen zu helfen. Bea und zwei ihrer Mitbewohner empfangen die Gruppe. Momentan sind sie schwer mit Renovierungsarbeiten beschäftigt, um das alte Objekt zu sichern. Daneben sind sie AnSchleuselaufstelle für obdachlose Punks, sammeln und geben Sachspenden weiter, stehen in Kontakt mit anderen Hilfestellen und betreiben einen Punkertresen. „Das Prinzip Arbeit, Wohnung, Familie haben wir lang genug probiert, auch Übernachtungshäuser sind nichts für uns. Die Punkwerxxkammer hier ist unser Traum“, erzählt Bea. Leider sei derzeit unklar, wie lange sie den noch leben können, da eine Mietvertragsverlängerung ausstehe. Vom Lockdown seien sie insofern betroffen gewesen, dass das Schnorren sehr schlecht lief, weil kaum Menschen auf der Straße gewesen seien. Dafür hätten sie viele Sach- und Essensspenden erhalten. Momentan benötigten sie vor allem Baumaterial. [...]

Willkommen im Internet

„Ich feiere die Möglichkeiten des Internets“

Katja Röckel (45) arbeitet seit knapp 20 Jahren im Bereich Medienpädagogik in der Hörfunk- und Projektwerkstatt Leipzig. Außerdem hat sie eine eigene Radiosendung „Mrs. Pepsteins Welt“, die aller vier Wochen bei Radio Blau und anderen deutschsprachigen freien Radios läuft. Im Interview fragten wir sie nach ihrer privaten und beruflichen Perspektive auf das Thema Internet und Digitalisierung.

Interview: M. Arendt und S. Feldbacher & Foto: privat


KiPPE: Wie stehst du persönlich zum Internet?
K. R.: Ich finde das Internet gut. Es ist ein großer Fortschritt und bereichert die Gesellschaft als Parallelkosmos, in dem es aber auch Regeln braucht. Viele sagen, da lauern so viele Gefahren, aber die lauern auch, wenn ich auf der Straße ohne Fahrradhelm unterwegs bin. Man muss wissen, wie man sich informieren kann, was man beachten muss, gerade in Familien. Ich selbst feiere die Möglichkeiten des Internets. Ich vernetze mich gern, vor allem in Sachen Feminismus und Radioarbeit, und das geht über das Internet viel besser und einfacher als per Post oder Telefon. Toll ist auch die Verbreitung von Wissen. Ich bin früher in die Gemeindebibliothek gegangen und war davon abhängig, welche Bücher da eingekauft wurden. Heute finden Jugendliche alle Informationen im Internet, ohne dass sie jemanden fragen müssen und das vielleicht peinlich ist. Ich bin pro Internet, aber mit Zeigefinger in Klammern.

Was sind gute, was kritisch zu sehende Aspekten aus pädagogischer Perspektive?
Ich fange mit den kritischen Aspekten an: Zum einen die hohe Nutzungsdauer junger Leute. Die hat in den letzten Jahren und durch Corona noch einmal extrem zugenommen. Man sollte auch mal an die frische Luft gehen oder etwas Haptisches machen. Andererseits sollten Erwachsene auch aufpassen, dass sie nicht in einen bewahrpädagogischen Modus kippen. Denn es gibt in jeder jungen Generation etwas Neues mit Suchtpotential. Zu meiner Zeit kamen die Game Boys auf, und man hat manchmal stundenlang Tetris gespielt.
Dann wäre da noch die Anonymität, die Vor- und Nachteile hat. Wenn ich mich im Internet bewege und etwas preisgebe, was ich gar nicht so schlimm finde, aber jemand anderes macht etwas damit – ich formuliere das bewusst ein bisschen abstrakt – könnte das zu einem Problem werden. Das richtige Maß an Anonymität muss man lernen. Viele Kinder und Jugendliche wissen da mehr als Erwachsene, die dennoch begleitend tätig sein sollten. Man muss als Familie einen Weg finden und Kindern ein Rüstzeug mitgeben, damit man sie später selbstständig ins Internet entlassen kann. Weitere Gefahren sind der teilweise schlechte Datenschutz sowie Hatespeech und Mobbing. Da sind viele betroffen, und man kann schnell zum Opfer oder Täter werden.
Positive Seiten sind auf jeden Fall dieser Vernetzungsaspekt, der auch für Jugendliche wichtig ist. Wenn man z. B. in einem Dorf hockt und spezielle Interessen hat – jegliches Nerdtum wird im Internet gefeiert, und man findet dazu viele Informationen und auch eine Community. Sicher ist das kein Ersatz für Freunde im realen Leben, aber als Austausch- und Unterstützungsmöglichkeit kann das wichtig sein. Natürlich mit der Klammer: Mit wem kommuniziere ich jetzt? Das muss man beachten.
Was ich noch für einen positiven Aspekt halte ist, dass man im Internet Dinge gestalten und sich ausprobieren kann, auch gemeinsam wie z. B. in einigen Onlinespielen mit kollaborativem Charakter oder eben auf einem Instagram-Account. Natürlich gibt es da viele Selfies, aber Jugendliche sind auch kreativ unterwegs. Man kann heute super viel Content selbst produzieren, z. B. auch Videos bei YouTube hochladen – wobei man hier reflektieren sollte, was genau man da öffentlich stellt. [...]