logo2016

Polarisierende Aktivistin

Polarisierende Aktivistin

Das Leben der Anwältin und Autorin Felicia Langer

altDiese Frau spaltet Menschen und Medien wie nur wenige Aktivistinnen dieser Zeit. Und trotzdem herrschte an jenem Besuchsabend in der Leipziger Moritzbastei ein Gefühl der Einstimmigkeit und Verbundenheit im überfüllten Raum. So, als ob keine weiteren Reibungen herbeigesehnt seien. Diese begleiten sie andernorts zur Genüge. Zuletzt nach einer Ordensverleihung in Berlin…


Die Rede ist von Felicia Langer, geboren vor 81 Jahren als Felicia-Amalia Weit im südpolnischen Tarnów. Als Kind jüdischer Eltern erlebt sie schon bald die Entwurzelung. Die Familie flieht 1939 vor der Wehrmacht in die Sowjetunion, viele andere Angehörige werden von den Nazis ermordet. 1949 heiratet sie in Breslau Mieciu Langer, der als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust überlebt hatte. Beide wandern ein Jahr später nach Israel aus. Dort studiert Felicia Langer Jura und lässt sich 1965 als Rechtsanwältin nieder. Nach unserem Selbstverständnis müsste die Frau aufgrund ihrer bitteren Erfahrungen eine überzeugte Zionistin werden und in ihrer Wahlheimat die arabischen Nachbarn als neue Bedrohung empfinden.


Doch bei Felicia Langer ist vieles anders und das mag nicht wenige irritieren. Aber Lebensläufe sind nicht vorgegeben. Langer wird Kommunistin und als 1967 der Sechstagekrieg ausbricht, ist ihr Wendepunkt gekommen, wie sie noch heute betont. „Als Rechtsanwältin habe ich die Tragödie in den besetzten Gebieten mit eigenen Augen erlebt und mein Mann wurde meine Klagemauer“, berichtet sie. Ihre Konsequenz: Vor israelischen Militärgerichten verteidigt sie palästinensische Zivilisten. Auch gehören israelische Kriegsdienstverweigerer bald zu ihren Mandanten. Nur wenige Fälle kann sie gewinnen, doch das ficht sie nicht an. Selbst dann nicht, als ihr vom Verteidigungsministerium die Lizenz entzogen wird. Denn schon längst gilt sie nicht nur bei Behörden als Sicherheitsrisiko. Sie schreibt Bücher mit z.T. programmatischen Titeln (u.a. „With own eyes“, „Der lange Weg zum Frieden“, „Die Frau, die niemals schweigt“) und ihre Haltung gegenüber Israel wird immer unversöhnlicher. Sie engagiert sich in der Liga für Menschenrechte, sie unterstützt antizionistische Bewegungen. Zur Besatzungs-, Trennungs- bzw. Siedlungspolitik Israels im Gaza-Streifen und in der Westbank sagt sie: „Hier entsteht eine Insel der Apartheid“. „Kolonialismus“ ist ein weiterer Begriff, den sie in diesem Zusammenhang gebraucht. Zumindest hier in der Moritzbastei erntet sie fast ausschließlich beifälliges Nicken. Und geradezu Beifall kommt auf, als sie verlauten lässt: „Wie kann ein Staat den Anspruch auf Land als Gott gegeben begründen? Gott ist doch kein Immobilienmakler!“ [...]

Leipzig liest wieder

Titelthema: Leipzig liest wieder

altBildung, die Spaß macht - Leipziger Buchmesse wartet mit Neuheiten auf

Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse, ist optimistisch: „Wir erwarten rund 2 100 Verlage und Dienstleister. Zunehmend nutzen kleine und mittelständische Verlage und Unternehmen unser Angebot und möchten ihre Produkte und Dienstleistungen in Leipzig vorstellen.“ Zu den Wachstumsbereichen zählen Belletristik, Sachbuch sowie Fokus BILDUNG. Hier sollen die wichtigsten bzw. neuen Themen der Messe vorgestellt werden.


Eine Marke für Pädagogen
Die Präsentationen der Verlage während der Buchmesse finden zu zahlreichen Themengebieten statt. Dazu gehören Comic, Manga und Fantasy, Fokus BILDUNG, Hörbuch, Junge deutsche Literatur, Musik, Mittel- und Südosteuropäische Literatur sowie die Antiquariatsmesse und die Verkaufsausstellung buch+art – Kunst rund um das Buch. Neu aufgelegt wird ein Bereich zum Thema DVD und Film.


Wiederholt tauchte das Themengebiet „Fokus BILDUNG“ auf. Durchaus kein Zufall. Mit dieser neuen Marke sollen Pädagogen angesprochen werden. „Fokus BILDUNG“ bündelt alle ausstellungs- und programmseitigen Angebote zum Thema Bildung. Die Inhalte reichen von frühkindlicher bis hin zur schulischen Bildung in der Abiturstufe. Dies umfasst sowohl die Angebote im Ausstellungsbereich Kinder- Jugend-Bildung in der Halle 2 sowie in den Themengebieten Hörbuch, Musik und Sachbuch. So erhalten Lehrer, Erzieher, Eltern und Schüler erstmals einen umfassenden Überblick und eine Orientierungshilfe für ihren Alltag auf der Leipziger Buchmesse.
Zwei neue Projekte bereichern künftig die spezielle Ausrichtung: der „Leipziger Lesekompass“ und die Vergabe des „Schulbuchpreis des Jahres“. „Diese zwei neuen Projekte untermauern Leipzigs Position als deutschlandweite Bildungsmesse“, erklärt Oliver Zille weiter. Der Lesekompass bietet in der Flut der jährlich rund 8000 neu erscheinenden Kinder- und Jugendbücher eine Navigationshilfe für Lehrer, Erzieher und andere pädagogische Fachkräfte. Eine Fachjury gibt jeweils 10 Buchempfehlungen für die Altersgruppen zwei bis sechs Jahre, sechs bis zehn Jahre und zehn bis vierzehn Jahre, die sich ganz besonders in Schulen und Kindertagesstätten für Lesespaß eignen. Die dreißig ausgewählten Bücher, werden am Messedonnerstag, 15. März 2012, vorgestellt und mit dem „Leipziger Lesekompass-Siegel“ ausgezeichnet.


Gezeichnete Romane
Die „Persepolis“-Bände der Exiliranerin Marjane Satrapi oder „Asterious Polyp“, der Geniestreich des US-Zeichners David Mazzucchelli, zeigen es eindrucksvoll: Aufwändig inszenierte Graphic Novels halten nicht nur dem Vergleich mit großen Entwicklungsromanen stand – sie ziehen auch alle Register dessen, was Comic graphisch zu leisten vermag. Nur folgerichtig, dass dieses vom Handel hierzulande langsam entdeckte Genre auch auf der Messe Fuß fasst. Nicht nur im angestammten Comic-Bereich: Neben Spezialisten wie Reprodukt oder Edition Moderne haben auch Belletristik-Verlage wie Knesebeck, Carlsen oder Walde + Graf große Bildromane im Gepäck. Unter dem Titel „Graphic Novel – Müssen Comics jetzt so heißen?“ widmet sich eine prominent besetzte Runde auf der Leseinsel junger Verlage dem Phänomen. [...]

20 Stelen zur Geschichte

20 Stelen zur Geschichte

„Orte der Friedlichen Revolution“ – neue Ausstellung im Stadtraum

altManch einem sind sie schon aufgefallen, die grauen Stelen aus Streckmetall in der Leipziger Innenstadt. Es handelt sich dabei um eine neue, ständige Ausstellung, die 20 solcher Stelen umfasst. Anhand historischer Fotos sowie deutschen und englischen Texten dokumentieren sie einen wichtigen Zeitabschnitt in der jüngeren Geschichte Leipzigs, die Zeit zwischen Januar 1989 und März 1990. Chronologisch wird dargestellt, welche Ereignisse und Aktionen zu dieser Zeit an den Originalschauplätzen stattfanden. Gleichzeitig belegen die Fotos, wie sich Leipzig in den letzten 22 Jahren städtebaulich veränderte.


Räumliche und zeitliche Entwicklung des politischen Protestes
Die Stelen 1 bis 7 zeigen eindrucksvoll und mit noch weitgehend unbekannten Fotos, dass die Bürger in Leipzig nicht erst im Herbst ’89 sondern bereits viele Monate zuvor anfingen, öffentlich gegen das DDRRegime zu protestieren. Die Dokumentation beginnt mit dem 15. Januar 1989 in der Petersstraße. Damals versammelten sich ca. 500 Bürger auf dem Marktplatz, um für demokratische Grundrechte zu demonstrieren. Dazu hatten Mitglieder der Leipziger Oppositionsbewegung mit etwa 4 000 Flugblättern aufgerufen. Somit beteiligten sich an diesem Tag erstmals überwiegend Bürger, die nicht in der Opposition engagiert waren, an einer ungenehmigten Demonstration. Es folgten Friedensgebete und Ausreisedemonstrationen verstärkt während der Frühjahrsmesse im März, denn wegen der anwesenden westlichen Journalisten verhielten sich Polizei und Staatssicherheit zurückhaltend. Im Mai ’89 organisierten verschiedene Oppositionsgruppen eine „Kontrolle“ der Stimmenauszählung bei der Kommunalwahl. So gelang es erstmals den von der SED organisierten Wahlbetrug nachzuweisen. Über dieses Ereignis informiert eine Stele auf dem Marktplatz.


Die Stelenausstellung greift somit nicht nur bekannte Ereignisse, wie die Montagsdemonstrationen oder die Besetzung der Stasi-Zentrale auf, sondern informiert auch über kleinere, aber deshalb nicht unbedeutendere Aktionen der Opposition. Hierzu zählt auch der Pleißepilgerweg, wo im Juni ’89 etwa 1 000 Personen entlang des stark verschmutzten und daher unterirdisch kanalisierten Flusses gegen Umweltzerstörungen demonstrierten. Die Stele zu diesem Ereignis befindet sich in der Karl-Liebknecht-Straße / Gustav-Freytag-Straße. Eine andere Form des politischen Widerstandes war das von Leipziger Oppositionsgruppen organisierte Straßenmusikfestival. Trotz Verbotes trafen sich am 10. Juni Musiker aus der gesamten DDR, um für die Freiheit der Kunst zu spielen. Die gewaltsame Auflösung der Veranstaltung durch die Volkspolizei löste bei vielen Passanten Entsetzen aus. [...]

Schokolade – leidfreier Genuss?

Schokolade – leidfreier Genuss?

Kindersklaven schuften auf Kakao-Plantagen in Afrika

altWer liebt nicht Schokolade? Die zarteste Versuchung, quadratisch und praktisch oder auch Kinderschokolade? Doch so bitter es klingt: Schokolade bedeutet für viele Kinder ein erbärmliches Leben.


Frühzeitig Invaliden
Speziell in Afrika, wo ein Großteil der Kakaobohnen für die weltweite Schokoladenproduktion geerntet wird (allein 40 Prozent in der Elfenbeinküste), ist der Handel mit Kindersklaven an der Tagesordnung. Umgerechnet zwischen 200 und 250 Euro zahlt ein Kakaobauer für einen Kindersklaven. Die meist zwischen 10 und 14 Jahre alten Jungen werden von Menschenhändlern entführt und in den Nachbarländern verkauft.
Diese Kinder müssen dann von morgens bis abends auf den Plantagen arbeiten, bei brütender Hitze – sieben Tage in der Woche. Sie erhalten karges Essen und natürlich keinerlei Lohn. Häufig werden sie miserabel behandelt und geschlagen. Durch die körperlich schwere Arbeit sind sie nach einigen Jahren meist Invaliden. Mit Macheten ernten sie die Kakaobohnen, hierbei kommt es immer wieder zu Verletzungen. Auch Pestizide werden von ihnen verspritzt – ohne Schutzkleidung. Schwere Kanister mit den hochgiftigen Flüssigkeiten tragen die Kinder auf dem Rücken. Das Gift gelangt nicht nur auf die Bohnen, sondern auch in die Atemwege und auf die Haut der Kinder.
Zum Pflücken der Bohnen müssen die Kinder auf Bäume klettern, immer wieder kommt es zu Verletzungen bei Stürzen. Durch das Tragen viel zu schwerer Körbe mit Kakaobohnen bekommen die Kinder Haltungsschäden. Häufig werden die Sklaven nachts eingesperrt, damit sie nicht flüchten können.
Schokolade – das Produkt für dass sie schuften, bekommen sie selbst natürlich nie zu sehen.


Kleinbauern in Ruin getrieben
Nach Schätzungen von Unicef schuften über 200 000 Kindersklaven auf den Kakao- Plantagen Afrikas. Zwar gibt es ein internationales Abkommen gegen Kinderarbeit, doch Kontrollen sind Fehlanzeige. Zwar kaufen Kakaobauern auch Kindersklaven ein, obwohl sie selbst bettelarm sind. Doch die wahren Nutznießer des Verbrechens sind ganz andere. Es sind die großen Konzerne, die sehr geringe Preise für die Kakaobohnen zahlen – Preise, die obendrein ständig stark schwanken und so immer wieder Kleinbauern in den Ruin treiben. [...]

Handwerk hat Zukunft

Titelthema: Handwerk hat Zukunft

altEin Hut, ein Stenz, ein Geselle - „Tippelei“ - Leben und Lernen auf der Straße

Seit dem Mittelalter wandern Gesellen nach Abschluss ihrer Lehre, um bei verschiedenen Meistern ihrer Zunft zu arbeiten und somit nicht nur ihren fachlichen sondern auch weltlichen Horizont zu erweitern. Ursprünglich begaben sich Gesellen fast aller Handwerksberufe und insbesondere des Bauhandwerks auf Wanderschaft. Die Zünfte schickten die jungen Handwerker in andere Städte, um den Arbeitsmarkt vor Ort zu regulieren. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts besaß die Gesellenwanderung Kontinuität. In der NS-Zeit wurden die Gesellenvereinigungen, Schächte genannt, und die damit einhergehenden Bräuche verboten. Nach dem Krieg lebte die Wandertradition wieder auf. Jedoch wurde sie in der DDR aufgrund der Unkontrollierbarkeit bald wieder verboten.


Seit Mitte der 90er Jahre erfreut sich die Tradition der reisenden Handwerker steigender Beliebtheit. Heute wandern Gesellen aus über 20 verschiedenen Handwerksberufen weltweit. Zur Zeit sind etwa 500 Frauen und Männer zünftig unterwegs und bieten ihre Arbeit nicht nur im Baugewerbe sondern auch als Buchbinder, Goldschmied oder Schneider an. Mit der Wanderbewegung entwickelte sich eine eigene Kultur, reich an Zeremonien und Ritualen, die bis heute überdauert haben und zum großen Teil nur mündlich weitergeben werden.


Das Fernweh lockte
Philip aus Berlin ist gelernter Zimmermann und seit über zwei Jahren als reisender Handwerker unterwegs. Bei der sehr bildhaften Schilderung seiner Reiseerlebnisse benutzt der 29-Jährige immer wieder Begriffe aus der traditionellen Sprache der Wandergesellen, dem Rotwelsch. Soziale Randgruppen und fahrendes Volk entwickelten vermutlich im 13. Jh. eine Art Geheimsprache, wobei viele Wörter jiddischen oder hebräischen Ursprungs sind. Bis heute sprechen die Gesellen bei der Arbeitssuche auf traditionelle Weise und unter Ausschluss Dritter vor. Anhand des Vorsprechrituals konnte sich der Arbeitssuchende früher als wahrer Geselle „ausweisen“.
Der Entschluss auf Wanderschaft zu gehen, reifte bei Philip bereits während seiner Lehrzeit. Ihn beeindruckten das Wissen und die Erfahrung der Altreisenden, zudem lockte ihn das Fernweh: „Berlin ist nicht alles auf der Welt!“. Ehemals reisende Gesellen, welche nun „einheimisch“ sind, machten Philip mit den Bräuchen und Regeln der Wanderschaft vertraut. Er schloss sich der Gesellenvereinigung „Fremder Freiheitsschacht“ an und muss nun mindestens drei Jahre und einen Tag zünftig reisen. Als zünftig Reisende werden nur Wandergesellen bezeichnet, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Sie besitzen einen Gesellenbrief, sollten bei Beginn der Wanderschaft nicht älter als 30 Jahre alt, unverheiratet, kinderlos, unverschuldet und nicht vorbestraft sein. Während der Wanderzeit darf Philip die Bannmeile von 50 km um seinen Heimatort Berlin nicht überschreiten. Die ersten 2 bis 3 Monate der Reisezeit gelten als „Vogtburschenzeit“, eine Art Probezeit. In dieser Phase begleitet ein Altreisender den Wandergesellen, bis dieser den Wunsch äußert, nun selbständig weiterzuziehen. [...]